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Positiver Teufelskreis

Heute konnte ich spüren, wie Engagement in einer Sache sich augenblicklich auf die eigene Lebensqualität auswirkt - und zwar einfach nur, indem es das Selbstwertgefühl steigert, völlig losgelöst von irgendwelchen greifbaren, persönlichen Vorteilen.

Der Anlass ist eher etwas kleines: M. gab mir den Hinweis zu dem neuen Energiekonzept (genannt "Schwamstrom") eines "ökologischen" Stromanbieters, das darauf hinausläuft, in den Häusern kleine, gasgetriebene Blockkraftwerke zu installieren. Die Firma hat davon den den Vorteil, auf diese Weise flexibel und relativ umweltfreundlich Strom zu produzieren, und der Hausbesitzer den Vorteil, eine effektive, preiswerte Heizquelle zu haben, wobei er für die Beherbergung des Gerätes sogar ein wenig Miete gutgerechnet bekäme. Es geht hier aber gar nicht um die technischen Details oder so, sondern nur um das Gefühl, das dieses ziemlich geniale Konzept in mir auslöst.

Tatsächlich hatte sich auf der letzten Eigentümerversammlung eine Diskussion ergeben, ob das Haus an das Fernwärmenetz angeschlossen werden soll oder nicht (denn mittelfristig muss unsere Heizungsanlage erneuert werden), was die Chance böte, alles ganz anders zu machen. Diese ganze Diskussion hatte aber ein ungutes Gefühl in mir hinterlassen, denn alles, was da präsentiert worden war, hatte mich überhaupt nicht überzeugt, es war mir aber auch keine befriedigende Alternative in den Sinn gekommen.

Als sich mir nun heute diese neue Möglichkeit bot, schrieb ich sofort einige Miteigentümer an und machte den Vorschlag ein Informationstreffen hier in der Wohnung zu organisieren, bei dem ein Vertreter dieser Firma die Sache genauer erläutern würde. Wie gesagt: Eigentlich handelt es sich eher um eine kleine Sache, aber alleine die Handlung, dieses Treffen ins Leben zu rufen, erfüllt mich mit Freude und Tatkraft, die sich dann nicht nur auf diese Sache beschränkt, sondern mich auch andere Sachen im Laufe des heutigen Abends anpacken ließ.

Es kommt mir vor wie eine Art Selbstläufer, oder wie eine Welle, auf der man reitet: Eine Aktion mobilisiert Kraft, die dann wieder andere Handlungen auslöst, die dann wiederum Kraft freisetzen usw.. Ein positiver Teufelskreis.



Entwicklung

Seit meinem letzten Eintrag hier flaute diese körperliche Verspannung, die gleichzeitig eine innere war, zusehends ab. Die weniger reiche Nahrungsaufnahme und das entspannte Wochenende haben dazu sicher ihren Teil beigetragen. Abgelöst wurde dieser Zustand dann aber von einer tiefen Melancholie und Leere. Auf einmal fühlte sich alles, was ich tue (etwa beruflich) schal und perspektivlos an. Wie in einem tiefen Loch saß ich da auf einmal, aus dem es kein Entrinnen gibt

Ausgelöst wurde diese Melancholie (zumindest scheinbar) durch Gedanken an meine finanzielle Situation, die so aussieht, dass ich zwar durchaus über die Runden komme, ich mir aber gewisse Neuanschaffungen oder Ausgaben irgendwoanders absparen muss - Neuanschaffungen, die in diesen Tagen vermehrt notwendig werden, denn alles scheint gleichzeitig kaputt zu gehen: Kleidung, der Staubsauger, die elektrische Zahnbürste, ein Fenster, das ersetzt werden muss. Obwohl es sich im Einzelnen nur um Kleinigkeiten handelt, stachelten diese Dinge mein Sinnlosigkeitsgefühl weiter an. Ich fühlte mich auf einmal nicht einmal mehr in meiner Wohnung wohl, denn überall starrten mich Dinge an, die nach einer Reparatur oder einer Neuanschaffung riefen. Und auch der Gedanke an den kommenden Sommerurlaub wurde auf einmal schal, denn ich muss noch Geld für den Sommer zurücklegen, in dem ich ja nichts verdienen werde.

Dieses Gefühl verdichtete sich dann immer mehr, bis hin zu einem Punkt, an dem ich mich unendlich traurig fühlte und mir sogar die Tränen kamen. In dieser Stimmung blieb mir nichts übrig, als dazuliegen und auf mich selbst zu schauen, und zuzusehen, wie der Kloß immer größer und erdrückender wurde. An einem bestimmten Punkt dann aber ließ der ganze Spuk fast schlagartig nach. Er war einfach weg. Was dann aufkam war ein Gefühl innerer Gelassenheit und sogar Freude.

Was passierte da?

Ich erkläre es mir so, dass diese Krise meine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf mich selbst lenkte, und alleine das schon wirkte dann heilsam. Es kamen sogar dahingehende Gedanken auf, dass eine solche Krise nicht nur "erträglich" oder "lösbar" sei, sondern dass sie einen eigenen, immens großen Wert besitzt, der eben genau darin liegt, wieder auf den Boden des Hier und Jetzt zu gelangen. Und auch die Verknotungen, die ich im letzten Eintrag beschrieben hatte, erscheinen mir auf einmal verständlich: Sie waren ein Symptom der Tatsache, dass ich meine Energie zu sehr nach außen gelenkt hatte - und war auch in solchen Momenten, in denen ich glaubte "an mich" oder "meine Interessen" zu denken. Es war nur eine Scheinselbstachtung gewesen, der ich da erlegen bin - und zwar deshalb, weil sie eine Reaktion des Verstandes auf äußere Impulse war, und kein echtes Gefühl.



Unausgeglichene Energiebilanz

Seit gestern Nachmittag verspüre ich starke, schmerzhafte Verspannungen im Schulter- bzw. Nackenbereich bis hin zu dem Punkt, dass ich gestern Abend starke von dort ausgehende Kopfschmerzen hatte. Diese Symptome scheinen rein physiologisch mit den recht intensiven Sportübungen von vorgestern zusammenzuhängen, bei denen ich es zudem versäumte, Entspannungsübungen durchzuführen.

Dennoch: Dieser mechanisch-kausale Zusammenhang ist nur eine Äußerlichkeit. Gleichzeitig fiel mir nämlich in den letzten Tagen so etwas wie eine innere Verhärtung an mir auf. Gefühle und Gedanken wie "Ich sollte mehr an mich selbst denken." oder "Ab jetzt zählt mein eigener Vorteil." (Auslöser waren Erlebnisse sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich) kamen vermehrt auf. Diese innere Verhärtung äußert sich auch darin, dass da zum einen großer Energieschub spürbar ist, der gewiss mit dem aufkommenden Frühling zusammenhängt, den ich aber offensichtlich eher nach innen leite, als in produktive, hingebungsvolle Tätigkeiten - und zwar, indem ich auf mein Ego und seine Vorteile schaue. Ich komme mir vor - mir fällt gerade keine besserer Vergleich ein - wie ein Atomkraftwerk, das nicht ausreichend gekühlt wird, dessen Energie also nicht abgeleitet werden kann und sich in der Folge gegen sich selbst richtet.

Statt dieses Mehr an Energie, wenn ich es schon nicht ableite, in irgendeiner Weise "herunterzufahren", tue ich zudem alles, um es zu verstärken: Als ich mich vorgestern auf die Waage stelte, sah ich, dass ich drei Kilo mehr wiege, als meinem üblichen Gewicht entspricht. Das wunderte mich nicht wirklich, denn mir fällt weiterhin auf, dass ich in letzter Zeit besonders gerne und reichlich esse. Ich führe mir also noch mehr Energie zu, als ich eigentlich benötige.



Präsenz als Entscheidung

Es ist immer ein Moment der Selbsterinnerung, der mich zurück ins Hier und Jetzt bringt. Zunächst einmal "passiert" dieser Moment aber nur. Ob er dann aber sofort wieder verfliegt, oder ob die Präsenz anhält, scheint mir auch so etwas wie eine Entscheidung zu sein, die ich treffe.

Zumindest kam mir das heute so vor, als ich lange still im Wohnzimmer verharrte, und immer wieder den Unwillen in mir aufsteigen fühlte, diese Situation zu beenden und mich mit irgendetwas zu "beschäftigen". Meine Entscheidung bestand dann darin, diesem Drang nicht allzuviel Gehör zu schenken. Und es war spannend, dabei zuzusehen, wie sehr er darum kämpfte, dass ihm Folge geleistet würde. Irgendwann zückte er seine letzte Waffe: Ich wurde müde und es überkam mich die Lust, die Augen zu schließen und einzuschlafen. Aber auch hier ging es wieder um besagte Entscheidung: Als ich erkannte, dass es sich auch bei dieser scheinbaren Müdigkeit nur um ein Ablenkungsmanöver handelte, verschwand sie augenblicklich.

Nach dieser Phase war es dann so, dass ich mich eigentlich den ganzen Tag lang sehr präsent sah. Gelassenheit angesichts irgendwelcher Aufgaben, die ich einfach so erledigte (ohne dabei den üblichen Unwillen zu verspüren) wechselte ab mit tiefer Freude und Empfindsamkeit angesichts der mich umgebenden Dinge.



Niedertracht

Wie Schuppen fiel es mir dann heute von den Augen, worum es bei diesem ganzen Auf und Ab zwischen "Offenheit" und "Beengung" wirklich geht, welches ich derzeit besonders klar verspüre. (Noch einmal als Zusammenfassung: Phasen, in denen ich mich präsent und offen fühle, wechseln schnell und ohne Vorwarnung in Phasen verbiesterter Gedankenaktivität über. Auffällig ist, dass dieser Übergang in der Regel durch die Beschäftigung mit bestimmten Themen aber auch Menschen geschieht.)

Die beste Beschreibung dessen, was da vor sich geht, liefert das Wort "Niedertracht". Damit ist jetzt aber nicht jenes emotional belegte Wort gemeint, mit dem der eine Moralist den anderen zu beschimpfen pflegt, sondern das Wort in seiner ureigensten Bedeutung. Niedertracht heißt nämlich: "trachten nach dem Niederen" - womit ein Zustand oder eine Haltung gemeint ist, die sich an dem ausrichtet, was etwa auch bei G. als "niedrig" (d.h. den unteren Ebenen der Maschine Mensch zugehörig) beschrieben wird.

Bsp. Politk: In der Regel führt die Beschäftigung damit bei mir (und wie ich beobachten kann, eben nicht nur bei mir) zur Aktivierung bzw. Verstärkung von Rechthaberei (Verstand), Ängsten (Emotion) und Gier (Instinkte/Körper). Natürlich sind all diese Dinge Teil meiner selbst, und es geht hier dann auch gar nicht darum, sie zu verleugnen - aber allzu oft habe ich den Eindruck, dass gewisse Einflüsse diese Dinge über Gebühr verstärken und die Aufmerksamkeit mehr auf sie ausrichten als gut ist. Dass es sich bei diesen "niederen Ebenen" (auch in ihrer gesunden Ausprägung) aber nicht um den Selbstzweck sondern lediglich um das Fundament des Menschen handelt, auf welchem dann auch feinere Energien wachsen können, geht da zumeist unter - zumindest scheint mir dies die Botschaft jenes Gefühles der Beengung zu sein, welches mich immer wieder heimsucht.

Wenn ich also sage, ich verspüre Niedertracht, dann ist damit nicht irgendeine Bosheit dieser Welt gemeint, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich meine Aufmerksamkeit durch äußere Einflüsse allzu leicht auf die niederen Aspekte lenken lasse, und die anderen dabei aus dem Auge verliere. Niedertracht führt zu Identifikation.



Technokratisches Politikverständnis als Gift

Es ist aufschlussreich zu sehen, wie hierzulande politische Themen behandelt werden. Ich sehe es allerorten, und es stößt mich immer mehr ab, denn der Ungeist, der dahinter steht, wird immer offensichtlicher.

Egal ob es um Atomkraftwerke, Wirtschaftsthemen, Migration oder was auch immer geht: stets tritt an die Stelle eines zunächst gesunden Impulses irgendwann die Verbiesterung des Verstandes, der sich dann nur noch an rein ideologisch-technokratischen Standpunkten festbeißt. Da gibt es dann nur noch Schubladen, "Gleichgesinnte" und "Gegner", Statistiken und Zahlen. Das aber, worum es wirklich in der Politik geht - zumindest gehen sollte - fällt dann mit schöner Regelmäßigkeit unter den Tisch: der einzelne Mensch.

Ein ganz klassisches Beispiel - wo es mir am intensivsten auffiel - ist da für mich etwa dieser Hr. Sarrazin, der mit Statistiken nur so um sich warf oder wirft, die jede für sich genommen wohl tatsächlich einen gewissen Wahrheitsgehalt haben. Dennoch ändert es nichts daran, dass seine Auslassungen eine klassische Wahrheitsverdrehung darstellen, denn sie unterschlagen zum Einen andere ebenso wahre Zahlen, die seine Thesen ad absurdum führen (etwa die reale Migrationsbilanz in Deutschland, oder den Anteil streng gläubiger Migranten), als auch - und das ist noch schlimmer - die nicht in Zahlen fassbare aber dennoch vorhandene menschliche Realität (Und als etwa Hr. Sarrazin in einem Interview sagte, er kenne persönlich keinen Türken (wisse aber ganz genau Bescheid über die), disqualifizierte er sich in meinen Augen restlos. So etwas kann ich nicht ernst nehmen.).

Das ist aber nur ein - besonders offensichtliches - Beispiel. Dieses Phänomen - Verstandesborniertheit als politische Maxime, Technokratie statt Herzensweisheit - scheint in der sogenannten "Politik" aber nicht nur ein sporadisch auftretendes Irrlicht zu sein, sondern es kommt mir inzwischen so vor, als müsse es zwangsläufig dann auftreten, wenn Menschen oder Menschengruppen sich zusammentun, mit dem Erfolg, dass sie sich irgendwann anmaßen, für andere zu reden. Man erkennt das dann immer daran, dass von einem "Volk" oder von "Wir" die Rede ist, und ebenso daran, dass (zumeist mit empörtem Zungenschlag) irgendwelche moralischen Dummworte wie "Aufrichtigkeit" oder "Mut" oder "Verantwortung dem Volk gegenüber" fallen. Nichts gegen all diese Dinge - aber darüber braucht man nun wirklich nicht zu sprechen. Entweder man besitzt sie oder nicht. Darüber sprechen und sie einfordern muss nur der, der seine eigene "Meinung" auf die Umwelt projiziert - der also, der an seinem Wesen die Welt genesen lassen möchte.

Noch nie fand ich derartiges so widerwärtig wie derzeit. Und heute konnte ich klar wie selten genau diese ungute (weil vereinnahmende und bremsende) Wirkung derartiger Einflüsse in mir wahrnehmen. Es tut gut, mein Herz zu spüren, das mich leise warnt.



Ich pfeife

Plötzlich erwische ich mich, wie ich pfeife. Irgendeine Melodie (Schubert), die plötzlich ihren Weg nach außen findet, während ich die Straße entlang gehe. Nein, es gibt keinen Grund dafür, ganz im Gegenteil. Bevor ich losging, waren noch diverse lästige und fruchtlose Gedanken in meinem Kopf gekreist: was noch alles zu erledigen sei und heute wohl doch wieder nicht bewältigt wird, was dort in Japan los ist, wann endlich das Geld eintrifft usw.. Aber plötzlich erwische ich mich dabei, wie ich pfeife. Völlig ohne Grund.



Offenheit 2

Gestern und heute setzte sich dieses Grundgefühl der Offenheit fort. Im selben Maße verstärkte sich aber auch mein Bewusstsein für seine Zerbrechlichkeit. Gestern etwa stand ich in der Pause lange am Fenster und genoss das sonnige Wetter, als plötzlich ein Kollege eine "schlechte Nachricht", die Arbeit betreffend überbrachte. Sofort stürzte sich meine Aufmerksamkeit auf diese Nachricht und setzte den Verstandesapparat in Gang. Besagte Offenheit verschwand, als hätte es sie nie gegeben, und mehr noch: ich erinnerete mich erst wieder an sie, als ich am Abend im Bus saß.

Kurzum: das Gefühl der Offenheit/Freude ist wie ein rohes Ei, das ich durch den Alltag trage, welches in jedem Moment zerbrechen kann, ohne dass ich da einen Einfluss drauf hätte.

Aber habe ich da wirklich keinen Einfluss? Unerwarteten Nachrichten wie gestern stehe ich tatsächlich stets hilflos gegenüber, aber es ist dennoch so, dass ich zumindest ansatzweise verhindern kann, aktiv dazu beizutragen. Aktiv beitragen heißt hier: Einflüsse aufsuchen, die beschränkend wirken. Und woran erkenne ich diese Einflüsse? Daran, dass sich unterschwellig ein Gefühl der Angst, der Wut, der Hektik ankündigt. Es ist dies ein ganz feiner Übergang, und allzuoft überhöre ich ihn - und zwar gerade dann, wenn ich am meisten glaube, davor gefeit zu sein. Überschwang, Begeisterung, Euphorie: Gerade hier verstecken sich die größten Irrwege, denn allzuoft verwechsele ich diese Emotionen mit jener echten Freude, die nur in mir wurzelt und an kein Objekt gebunden ist.

Tatsächlich sind es zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe.



Offenheit

Mehrmals überkamen mich heute Phasen, in denen ich so etwas wie eine freudige aber unbestimmte Sehnsucht empfand. Bestimmt hat das etwas mit dem aufkommenden Frühling und der vermehrten Sonneneinstrahlung zu tun - ich kenne das von früher, wo ich ähnliches erlebte. Dieses Mal aber empfand ich klarer als sonst, dass es sich bei diesem Gefühl um pure Offenheit handelt, gespeist durch ein Mehr an Lebensenergie. Ich merkte es daran, dass es mehr noch als sonst keine auf ein Ziel gerichtete Freude (ein anderes Wort dafür) war, sondern, wie gesagt, völlig unbestimmt und unvermittelt.

Bisher hatte ich diese Freude aber fast augenblicklich in irgendeine konkrete Sache einfließen lassen: ein Projekt, die Beziehung zu einem nahestehenden Menschen, was auch immer. Und immer hatte ich dieses Gefühl dann auf diese Sache bezogen, so als wäre sie die Ursache. Heute war da nichts. Zumindest zunächst. Tatsächlich konnte ich nämlich beobachten, wie im nächsten Augenblick der Drang aufkam, genau solches zu tun: ein Objekt, ein Ziel, eine Projektionswand für diese Offenheit/Freude zu finden. Offensichtlich war da der Verstand am Werk, der sich einmischen zu müssen glaubte. Der einen "Sinn" suchte.

So kam etwa der Gedanke auf, mich politisch zu engagieren, etwa durch Mitarbeit in der Plattform "Bürger stehen auf". Je mehr ich mich dann aber mit dieser Idee beschäftigte, desto mehr stieg in mir ein Gefühl von Beengung und Unwohlsein auf, das, als ich es genauer beobachtete und zuließ, sich als die Befürchtung entpuppte, mich auf diese Weise in eine Position zu begeben, in der ich für Ziele geradezustehen versuchte, die nicht die meinen sind. Diese sehr konkreten "Forderungen" etwa, die auf dieser Plattform ausformuliert sind, decken sich - zumindest in dieser Weise - nicht mit dem, was ich fühle, und vor Allem: nicht mit dem, was mein Offenheitsgefühl heute ausmachte. Die Formulierung "wir fordern" lässt da nämlich automatisch die Frage aufkommen: "Wer ist "wir"?", und: "Was heißt "fordern"?", und: "Fordere ich das denn wirklich?".

Mir wurde in diesem Zuge dann klar, dass das heutige Gefühl der Offenheit nach ebensolchen Impulsen (der Offenheit) verlangt, nicht nach solchen der Festlegung - denn nichts anderes sind Forderungen dieser Art. Zwar kam dann augenblicklich eine Art schlechtes Gewissen dahingehend auf, dass ich dann ja wohl ein "feiger Verweigerer", "mangelhaft engagierter Lahmarsch" oder sonst so etwas sei - zumal ich den prinzipiellen Anspruch dieser Plattform, die Menschen zu politischer Selbstverantwortung zu ermuntern, absolut begrüßenswert finde. Dann aber wieder wurde mir klar, dass auch diese Selbstverurteilung nur Verstandes- bzw. Konditionierungswerk ist.

Offenheit ist vielleicht das Beste, was ich besitzen kann - aber gleichzeitig auch das Verletzlichste: Allzu leicht wird sie vereinnahmt durch vermeintliche "hehre Ziele", die dann einfach nur wieder Verengung bedeuten. Im Moment ist mir die Offenheit wichtiger als die Fokussierung. Zumindest gebietet mir das mein Gefühl.



Schlüsseletuis

Als Abkürzung nehme ich den Weg durch ein Kaufhaus, als mir in der Lederabteilung, durch die ich gerade gehe, einfällt, dass ich unbedingt ein Schlüsseletui brauche. Die Schlüssel, die ich in der letzten Zeit immer ohne Etui trug, sind nämlich gerade dabei, ein Loch in meine Hosentasche zu bohren.

Ich finde einen Wühltisch, auf dem sich Hunderte von Schlüsseletuis befinden. Ich beginne eines nach dem anderen in die Hand zu nehmen und zu vergleichen. Da gibt es Etuis in Tütenform mit Druckknopf, rechteckig mit Reißverschluss an der breiten Seite, aufklappbare mit Schlüsselleiste und was weiß ich noch alles. Fasziniert beginne ich die verschiedenen Ausführungen im Hinblick auf meine Bedürfnisse miteinander zu vergleichen, und entscheide mich für die rechteckige Form mit Reißverschluss. Alsdann geht es darum, eines davon auszusuchen.

Auch hier staune ich wieder über die Vielfalt: Sehen diese Etuis auf den ersten Blick alle praktisch gleich aus, so offenbaren sich im Detail enorme Unterschiede. Etwa der Reißverschluss: Bei den meisten beginnt er an einer Kante, führt daran entlang und endet an derselben Kante am anderen Ende. Bei manchen Etuis dagegen wird er am Ende ganz kurz um die Ecke herumgeführt. So ist der Nöppel des Reißverschlusses beim Entnehmen des Schlüssels (welches schnell und problemlos gehen sollte) nicht im Wege. Eine absolut sinnvolle Konstruktion. Interessanterweise gibt es dann auch noch Etuis, bei denen der Reißverschluss ebenfalls kurz um die Ecke führt. Allerdings nur am Anfang. Der Nöppel ist damit beim Entnehmen des Schlüssels immer noch im Weg. Ich vermute, hier hat irgendjemand versucht, eine Idee zu kopieren, ohne sie verstanden zu haben.

Usw.. Als ich das Kaufhaus verlasse, weiß ich, dass ich einen guten Kauf getätigt habe.

Nein, es geht hier nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung über Schlüsseletuis. Vielmehr geht es darum, dass ich dieses Erlebnis sehr präsent erlebte, und dass sich mir in diesem Zuge der Wert bzw. der Mechanismus, der dahintersteckt, wieder in seiner vollen Klarheit präsentierte: Was ich erlebe, ist mehr oder weniger gleichgültig. Da kann es sich sogar um Schlüsseletuis handeln, die sich plötzlich als überaus interessantes Thema entpuppen können. Der Reichtum eines Erlebnisses liegt folglich weniger im Thema selbst verborgen, sondern darin, mit welcher Haltung ich mich darauf einlasse. Tue ich es, um schnell etwas zu erledigen, weil ich glaube, es zu müssen, dann geschieht es ohne Herz und hinterlässt ein Gefühl von schaler Gehetztheit. Tue ich es dahingegen mit möglichster im Hier und Jetzt verwurzelter Offenheit, so ist es echtes Er-Leben.

Das klingt jetzt wieder schön klug. Tatsache ist, dass ich genau diese Sache im Alltag allzu selten beherzige. Zwar haben sich in den vergangenen Tagen diese Ungeduldsanwandlungen im Alltag, wie sie mich in diesem Winter lange begleiteten, nachgelassen, ich glaube aber, erst jetzt ihre Ursache wirklich zu erkennen: die mangelnde Bereitschaft, mich zu öffnen. Es ist dabei auch erstaunlich, dass ich jetzt, wo ich es hinschreibe, weiß, dass ich das eigentlich alles bereits wusste. Es geht dann bei der Schreiberei hier auch gar nicht um "lernen", sondern viel eher um "erinnern".



Traum vom Abschiedsfest

Ich befinde mich in einem sehr großen Haus, dem Haus meiner Eltern, in dem ein Fest stattfindet - d.h.: noch findet das Fest nicht statt, sondern es treffen nach und nach immer mehr Leute ein, um in den nächsten Tagen ein Fest zu feiern. Auch mein Bruder ist gekommen und hat eine Menge Freunde mitgebracht. Sie sind - im Gegensatz zu den anderen Leuten - extrem laut, verwahrlost und respektlos. Sie grölen herum und zerstören die Einrichtung. Ich bin sehr wütend und weiß nicht, was ich tun soll. Als ich versuche, sie daran zu hindern, werde ich nur verlacht und bedroht. Meine Eltern schlafen, und frage mich, ob ich sie wecken soll, lasse es dann aber bleiben. Ich möchte sie nicht damit belasten.

Dann findet irgendwann das Fest statt. Die angespannte Situation hat sich aufgelöst und es ist sehr schön. Im Garten wird ein großer Teich oder Pool angelegt und mit vielen Pflanzen, Fischen und sonstigen Wassertieren bevölkert. Ich freue mich sehr darüber, bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie der Teich sich wohl entwickeln wird. Meine Eltern verabschieden sich. Sie haben mir das Haus überlassen und ziehen nun in eine kleinere Wohnung. Das Fest war so etwas wie ein Abschiedsfest.


Dieser Traum ist so etwas wie eine Synthese der vergangenen Tage: die problematischen Auseinandersetzungen rund um meinen Bruder und dann die Auflösung dahingehend, dass ich mich mit meinen eigenen Plänen oder Notwendigkeiten (der Teich, der neu angelegt wird) beschäftige. Dass meine Eltern in eine kleinere Wohnung ziehen, heißt, dass diese Auseinandersetzung bewirkt hat, dass ich nun weniger mit dem Thema "Familie" belegt bin. Es ist eine gesunde, freudige "Schrumpfung". Die Tatsache, dass ich im ersten Teil des Traumes meine Eltern nicht belästige, ist ein Hinweis darauf, wie das vonstatten geht: Indem ich meine Wut usw. für mich selbst ertrage und anschaue, ohne andere da mit hineinzuziehen, vermag ich sie aufzulösen.



Die Demontage alter Glaubenswelten

In der Mittagspause machte ich bei herrlichem Wetter einen Spaziergang durch ein belebtes Viertel. Dabei machte ich kleine Beobachtungen (beiläufige Straßenszenen, in die ich nicht direkt involviert war), die mir den Anstoß dazu gaben eine bestimmte Sache klarer zu sehen als sonst:

Der Mechanismus, der abläuft, wenn ich plötzlich in irgendwelchen Verstrickungen lande, ist immer derselbe. Stets läuft es so ab, dass ich mit den Rollen anderer Menschen konfrontiert werde, und mich dann augenblicklich bemüßigt sehe, mich auf diese persönliche Ebene zu begeben. Das geschieht ganz automatisch, und wie mir heute schien, stets aus dem Bedürfnis heraus, überhaupt zu kommunizieren. Dabei ist dies kein echtes Bedürfnis, sondern eher ein Scheinbedürfnis: es entsteht aus dem Wunsch und auch aus dem Wissen um die Möglichkeit heraus, dem Betreffenden zu vermitteln, dass diese Ebene, diese Rolle, keine gesunde Basis ist. Und das ist dann so, als würde ich jemandem, der mich anschreit, ins Gesicht brüllen: "Schrei mich nicht an!"

Aktuell ist das Thema insofern, dass auch diese jüngsten familiären Auseinandersetzungen so abliefen. Hier waren wohl sowohl der Wunsch, zu helfen, als auch der Glaube an die Möglichkeit dazu, besonders ausgeprägt - einfach aus dem naheligenden Grund, dass "Familie" wahrscheinlich das älteste und am tiefsten verwurzelte Persönlichkeitsprogramm ist, das ich spazierentrage. Ich merke aber, dass auch dieses Programm mehr und mehr an Kraft verliert, worin dann auch genau der Nutzen liegt, den ich aus solchen Auseinandersetzungen ziehen kann.

Überhaupt stellt sich mir jetzt der Verlauf all der vergangenen Jahre als eine Abfolge der Demontage derartiger Programme dar: Veränderungen im Beruf, Auseinandersetzungen im Freundeskreis, Entwicklungen in der Beziehung, usw.. All diese Demontagen alter Glaubenswelten liefen stets schmerzhaft ab, stets begleitet von Verlustängsten, Wut und Verwirrung. Dennoch folgten ihnen auf dem Fuße Entwicklungen, die den Verlust mehr als kompensierten, und die tatsächlich so etwas wie eine Weiterentwicklung im Sinne von mehr Freiheit und Glück bedeuteten.


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