Ein Auf und Ab der Gefühle erlebte ich in den letzten beiden Tagen, besonders heute. Es hat gewiss auch damit zu tun, dass ich nicht so eingespannt bin wie sonst - und dadurch auch nicht so abgelenkt. Die Selbstwahrnehmung wird dadurch intensiver und Dinge, die sonst zu zart und leise sind, um an die Oberfläche zu dringen, kommen verstärkt durch.
Das Auf und Ab besteht darin, dass Gefühle völliger Sinnlosigkeit und Leere (die sich sogar als ein Vakuum in der Magengegend und einer Art Kehlenbeklemmung physisch manifestieren) mit Gefühlen völliger Gelassenheit und Glück abwechseln. Dieser Wechsel kommt stets unvermittelt und ist durch keinen Willen lenkbar. Aber dennoch gibt es ein Grundmuster: Sie sind eine direkte Reaktion auf das, womit ich mich gerade beschäftige.
Die Leere (auch Traurigkeit) tritt dann auf, wenn ich mich mit Dingen beschäftige, die außerhalb meines direkten Wirkungskreises liegen: politische Themen im Netz, Gedanken an Probleme und Belange nahestehender Menschen (etwa den Gesundheitszustand meines Vaters betreffend), in der Zukunft liegende Dinge. Dagegen treten die Glücksgefühle stets dann auf, wenn ich mich mit meinem direkten Umfeld beschäftige: Reparaturarbeiten in der Wohnung, Gartenarbeit, der direkte Umgang mit Menschen, etwa gestern bei dieser
Wohnungseigentümersitzung.
Das Muster ist also denkbar einfach und eigentlich völlig banal: Je näher das Geschehen an mir selbst dran ist, desto "besser" fühlt es sich an. Je weiter entfernt, desto hilfloser stehe ich da. So ganz neu ist diese Beobachtung natürlich nicht. Ich sehe jetzt aber auch immer klarer den Dreh- und Angelpunkt des Ganzen: "Entfernte" Dinge werden grundsätzlich vom Verstand aufgegriffen bzw, setzen primär ihn in Bewegung. Das kann auch gar nicht anders sein, denn es geht in diesem Moment dann
nur noch um die Schaffung von Pseudorealität. Echte Realität ist nämlich niemals entfernt. Diesen Vorgang nennt man dann Entfremdung.
Normalerweise interessieren mich Titelgeschichten irgendwelcher Standardmedien nicht besonders, schon gar, wenn es um religiöse Themen geht. Diese Titelgeschichte im Spiegel las ich dann aber heute doch, als ich mit M. in einem Café frühstückte, und das Magazin vor mir lag.
Es geht darin um neuere Forschungsergebnisse, wonach Jesus offensichtlich alles andere als ein bedingungsloser Pazifist war, der jeden Schmerz und jede Ungerechtigkeit ohne aufzumucken hinnahm. Ganz im Gegenteil: Nach heutigen Maßstäben war er ein politischer Rebell, der den gesellschaftlichen Missständen zu Leibe rücken wollte, auch mit Mitteln der Gewalt oder zumindest der politischen Inkorrektheit. Was heute die Falschgeld-Bankiers und Pseudodemokraten sind, waren ihm die Wechsler und Pharisäer. Er wandte
sich bedingungslos und im besten Sinne des Wortes aufrührerisch gegen das alles - und wurde dafür letzten Endes auch hingerichtet. Mitnichten ließ er sich ans Kreuz nageln, um durch die Hinnahme seines Leidens die Welt zu erlösen. Er war ein Opfer der politischen Repression.
In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich dann heute an diesen Albtraum, den ich als Kind ein paar Male hatte, in dem eine ans Kreuz genagelte Jesusfigur plötzlich zu Leben erwacht, und mich mit feuerroten Augen ganz bösartig angrinst. Jedes Mal nach diesem Traum wachte ich vor Angst auf und konnte lange nicht einschlafen. Bis heute erinnere ich mich daran, als wäre es gestern gewesen. Worauf ich hinaus will: Schon immer hatte ich dieses Kruzifix mit dem gefolterten Mann als abscheulich empfunden, hatte darin
nie das sehen können, was angeblich die Botschaften des Christentums sein sollen, etwa die Sätze der Bergpredigt und so.
Als ich dann heute diesen Artikel las, wurde mir der ganze Zusammenhang plötzlich in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung bewusst: Ich hatte - wie alle Kinder - damals auf höchst sensible und ehrliche Weise reagiert, und zwar genau so, wie es ja eigentlich von jenen intendiert ist, die dieses Symbol schufen. Denn tatsächlich ist dieses zentrale Symbol des Christentums ein grässlicher Versuch der Einschüchterung der Menschen, die sich ihm aussetzen. Im Grunde genommen ist ein Kruzifix nichts anderes als die Schrumpfköpfe,
die irgendwelche Amazonas-Indianer auf Holzstecken aufgespießt im Wald aufstellen, um damit mitzuteilen: "Seht her, was mit jenen passiert, die sich uns entgegenstellen."
Auf eine bestimmte Weise wird mir dieser Jesus damit allerdings wieder sympathischer - ganz im Gegensatz zu jenen, die seine Botschaft okkupiert und dahingehend verfälscht haben, dass sie angeblich so lautet, dass Leiden etwas gutes und "gottgewollt" sei. Und das soll die zentrale kulturelle Klammer des christlichen Abendlandes sein? Perverser geht es nicht! Da ist mir sogar der Islam sympathischer: Er ist wenigstens ehrlich.
Tatsächlich kommt es mir so vor, als habe dieses Volk des "christlichen Abendlandes" diese Einschüchterungssymbolik derart verinnerlicht hat, dass es tatsächlich unfähig ist, seine Belange in die Hände zu nehmen. Das betrifft nicht nur die regelmäßigen Kirchgänger, sondern genau so jene, die zwar aus der Kirche ausgetreten sind, sich aber ihrem Umfeld der Einschüchterung und Leidenserwartung dennoch nicht wirklich entziehen können. Und wenn ich da von "anderen Menschen" spreche, dann meine
ich natürlich mich selbst.
In der Tat wird mir in diesen Tagen, in denen ich mich dem täglichen Hamsterrad ein wenig entziehen zu können glaube, deutlich, wie sehr ich mich selbst genau in jenen Bahnen bewege, in denen "Leiden" und "Mühe" und "Aufopferung" als "gut" bewertet werden. Ich sehe das etwa an der Tatsache, dass ich mich ständig unter Wert verkaufe. Ich bin zwar noch nicht ganz klar in diesem Punkt, aber da kommt gerade etwas hervor.
Zweifellos: Es tut ausgesprochen gut, ein paar Tage außerhalb des Hamsterrades zu genießen. Ich merke, dass sich eine völlig veränderte Wahrnehmung der Dinge um mich herum einstellt. Gelassener, offener, geduldiger. Andererseits erlebte ich heute dann aber auch Phasen tiefer Trauer bis hin zu völliger Niedergeschlagenheit - vor Allem jetzt am Abend, als ich alleine war. Der Grund für diese Trauer ist dann aber auch gar nichts geheimnisvolles oder rätselhaftes. Es geht dabei um die Erkenntnis
(die ich anscheinend nur an Tagen wie diesen in in ihrer ganzen Härte zu verspüren vermag), wie sehr ich in diesem Hamsterrad gefangen bin.
Ich sehe dann, wie sehr diese paar Tage nur so etwas wie eine kleine Insel sind, auf der ich ein wenig verschnaufen kann - und umso mehr deprimiert mich dann die Aussicht, dass der Ozean, in dem diese Insel sich befindet, so riesig und schier endlos ist. Gleichzeitig kommt dann aber auch der Wille auf, diese Insel dahingehend zu nutzen, dass etwas "langfristiges" daraus erwächst - also nicht nur ein kurzfristiges "Verschnaufen", das einfach nur pure, hohle, unmittelbare Kompensation wäre.
Die Annäherung an die Haltung des guten Haushälters hat da sicher auch etwas zu tun und ist ein erster Schritt in genau diese Richtung. Daher rührt dann wohl auch die Befriedigung, die ich während der letzten Tage empfand, wenn ich Dinge "erledigte".
Die Luft ist kühl und frisch wie am ersten Tag. Vögel zwitschern. Es sind praktisch noch keine Menschen unterwegs.
Es ist immer wieder eine Offenbarung, an Tagen wie diesen möglichst früh auf die Straße zu treten. Dann öffnet sich etwas in mir und jegliche Engheit und Unruhe verschwinden. Ich kenne diese Momente seit meiner Kindheit - sie haben sich seitdem kein bisschen verändert, besitzen objektiv immer dieselbe Qualität.
Heute gelang es wieder besser, mich auf jene Dinge, die ich dem Wirkungsbereich des guten Haushälters zuordne, einzulassen. Ich verrichtete ein paar Arbeiten im Garten und widmete mich dann der Küche, wo ich ein paar Reparaturarbeiten an den Schränken verrichtete und außerdem eine Leuchte installierte, auf dass die Spüle besser ausgeleuchtet wird (seit einiger Zeit schon hatte mich gestört, dass ich beim Spülen mir selbst das Licht wegnahm).
Diese Arbeiten verrichtete ich im Fluss, ohne dabei in Hektik zu verfallen oder zu huddeln. Die Zeit verging wie im Fluge und war dennoch angefüllt mit intensivem Erleben, und ich konnte hinterher eine gute Portion Befriedigung in mir feststellen, all diese allzu lange vor mir hergeschobenen Dinge endlich erledigt zu haben.
Nachdem ich gestern sehr intensiv den Impuls empfunden hatte und ihm auch gefolgt war, die Haltung des guten Haushälters zu kultivieren, war heute alles anders.
Mehr oder weniger widerwillig stand ich am Morgen auf, um das Tagewerk zu beginnen, und hatte dann große Mühe, mich auf die Dinge einzulassen, die anstanden. Mir war eher danach, den Tag wie eine Qualle zu begehen: ich wollte mich einfach treiben lassen und weiter nichts tun. Zwar verrichtete ich dann doch das vorgenommene Pensum, aber alleine diese Wortwahl sagt auch schon alles: ein Pensum ist eine geplante Mindestmenge an Engagement, die man aufzubringen bereit ist. Eine vom Verstand vorgegebene Portion Energie,
die in
eine
Sache gesteckt wird.
Eine von Herzen kommende Aktivität sieht aber völlig anders aus: Das Herz lässt sich auf den Moment ein, und geht in ihm auf, ohne danach zu fragen, "wie weit" man denn schon sei. Ein Pensum ist dagegen von vornherein auf genau diese Frage ausgerichtet. Ein Hinausgehen über die eigenen Grenzen, welches die Voraussetzung für jegliche über das Mittelmaß hinausgehende Aktivität ist, ist da von Vornherein ausgeschlossen.
Immerhin: Hier sehe ich wieder einmal, wie sehr und wie schnell jegliche Impulse ihre ursprüngliche Richtung ändern, ohne dass ich einen Einfluss darauf hätte. Natürlich könnte ich mich da in eine Richtung zwingen, aber das wäre dann nichts, was den guten Haushälter auszeichnen würde. Es entspräche eher der Abteilung "Verrückter". Die Kultivierung des Impulses muss tiefer ansetzen.
Seit langem hatte ich mich nicht mehr so auf freie Tage gefreut, wie auf diese Ostern. Schon vor Wochen hatte ich mir ausgemalt und vorgenommen, wie es sei, endlich mal Zeit zu haben, um all die unerledigten Dinge zu erledigen - ohne dabei in Hektik verfallen zu müssen. Ganz konkret hatte sich in mir das Gefühl bzw. der Wille verfestigt, diese Zeit ganz im Sinne des "guten Haushälters" zu nutzen, und diese Haltung zu so etwas wie ihrem Leitmotiv zu machen. So nahm ich mir vor,
Dinge im Haushalt zu erledigen, meine berufliche Situation genauer zu untersuchen und nach möglichen neuen Schritten Ausschau zu halten. Weiterhin wollte ich wieder mehr auf die Fitness achten (selbst die Joggerei war in den letzten Monaten auf drei- bis vier Male die Woche geschrumpft) und ganz generell mir selbst mehr Aufmerksamkeit widmen.
Das Gefühl, dass solches notwendig sei, war nicht zuletzt der sich verdichtenden Gewissheit entsprungen, viel zu sehr im Hamsterrad zu sitzen, und die Aufmerksamkeit immer mehr vom schnöden, stressigen Alltag absorbieren zu lassen. Ich hatte diese Tage als eine Art "Sammlungszeit" betrachtet - und geplant.
Nun kam es so, dass mich am letzten Donnerstag - pünktlich zu jenem Zeitpunkt, als ich von meinem letzten Unterrichtstermin erfüllt mit Freude auf die bevorstehende Zeit nach hause kam - ein Anruf erreichte, mein Vater sei ins Krankenhaus eingeliefert worden. Im selben Moment brach diese ganze Vorfreude, dieser ganze heranwachsende Friede in mir zusammen wie ein Kartenhaus. Mit Erschrecken entdeckte ich Gedanken in mir, die in etwa dahingingen ""Ausgerechnet jetzt - die schönen Ferien!" zu lamentieren
- höchst egoistische Gedanken, die eher meine eigene Situation bejammerten als die meines Vaters. Es war ganz klar der Verstand, der sich dagegen wehrte, seine schön zusammengezimmerte Planungswelt über den Haufen geworfen zu sehen. Denn natürlich fuhr ich kurz entschlossen nach F., um nach meinem Vater zu schauen - dieser Impuls war dann doch stärker, als das Lamento meines Verstandes. Dabei konnte ich dann beobachten, wie der anfänglich empfundene Unwille sich mehr und mehr auflöste und einem in inneren Frieden
wich. Auf einmal war da nur noch kühle, friedliche Leere.
Das hatte auch etwas von dem Geschmack, nicht mehr selbst entscheiden zu müssen: ich war kein Handelnder mehr, sondern einfach nur noch einer, der Impulse vom Leben empfängt und seinerseits an das Leben weitergibt - irgendwelchen physikalischen Gesetzen folgend, die das alles regeln, ohne mir noch eine Entscheidung zu überlassen - oder besser gesagt: aufzunötigen. Mir war dann auch klar (und ist es immer noch): Genau an diesem Punkt findet sich wahre Freiheit. Es ist die Freiheit von der Wahl, die das Diktat
der rotierenden, abwägenden, planenden und zermürbenden Gedanken zerbricht.
Obwohl diese Fahrt nach F. dann natürlich alles andere als ein freudiger Anlass war, konnte ich in mir dennoch eine ganz subtile Art von Freude entdecken. Sie rührte daher, dass ich mich durch diesen Schock und das Durchgeschütteltwerden wieder mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei mir selbst wiederfand. Es war, als wäre nun auf völlig unerwartetem Weg genau das eingetreten, was ich mit meinen wohlsortierten "Plänen" eigentlich intendiert hatte.
Gestern Abend kam ich dann aus F. zurück - allerdings mit der Ungewissheit verbunden, womöglich sehr bald wieder hinzufahren, falls die Situation es erforderlich macht. Als ich dann heute morgen aufwachte, stellte ich in mir eine außergewöhnliche Gesammeltheit fest, und verspürte eine starke Hinwendung zur Haltung des "guten Haushälters" - verstärkt noch durch die unsichere, nervenaufreibende und auch traurig stimmende Situation in F.. Kurzum: mein ursprünglicher Impuls war nicht nur nicht verlorengegangen,
sondern hatte sich sogar noch verstärkt. Das beweist mir, dass er echt ist.
In diesem Zuge stürzte ich mich dann zunächst auf das Putzen der Wohnung. Dabei fuhr ich nicht nur das übliche, oberflächliche Alltagsprogramm, sondern widmete mich jedem Fleck, jedem Spinnweb im hintersten Winkel. Ich räumte Möbel um, klopfte Teppiche aus, entfernte trockene Blätter von Topfpflanzen usw.. Je mehr ich mich darauf einließ, desto verbundener fühlte ich mich mir selbst. Jede Aufmerksamkeit, die ich den Dingen widmete, widmete ich in Wahrheit mir selbst.
Nachdem mich dieses Thema "Mobbing" in der vergangenen Woche beschäftigt hatte, brachte ich es sowohl beim Treffen mit J. als auch mit W. zur Sprache, und beide Male schilderten mir meine Gesprächspartner ihrerseits Fälle bzw. Erlebnisse, wo genau dies so abgelaufen war, wie ich es derzeit an dieser Schule beobachte. J. schickte mir dann noch diesen Verweis, den zu lesen mir dann regelrechten Schrecken bereitete. Es scheint
wohl wirklich so zu sein,
dass diese Art des Umgangs nicht nur Ausnahme, sondern eher die Regel ist.
Das alles führt mir allerdings vor Allem eines vor Augen: meine Naivität. Bisher war ich stets davon ausgegangen, dass der Umgang zwischen Menschen - auch und gerade im beruflichen Bereich - stets so abläuft, dass gewisse Grenzen der persönlichen Integrität gewahrt werden. Das hatte ich stets für eine Selbstverständlichkeit gehalten, für eine Art Naturgesetz. Zwar wusste ich, dass es so etwas wie Mobbing gibt, hatte es jedoch stets für eine Entgleisung gehalten, wenn es denn doch vorkommen sollte. Nun sehe ich,
dass dem gar nicht so ist. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir zwar auch weiterhin, dass eine Unternehmung nur dann funktionieren kann, wenn es so ist, da alles andere zu selbstzerstörerischer Reibung und sonst gar nichts führt, ich erkenne aber auch, dass diese Selbstverständlichkeit von einer sehr großen Mehrheit der Leute nicht erkannt wird.
Es geht hier aber definitiv nicht ums Lamentieren und Jammern, etwa über die allgemein um sich greifende Mittelmäßigkeit der Menschen und ihres Umganges, die sich dann in genau solchen Phänomenen äußert, sondern es ist äußerst aufschlussreich, die Mechanismen zu betrachten, die wirklich hinter diesen Dingen stecken.
Sowohl meine eigenen Erlebnisse (bei denen es streng genommen nicht um mich, sondern um eine Kollegin geht) als auch die von J. und W. geschilderten, beweisen nämlich ganz deutlich: Mobbing kommt in jeder Firma, auf allen Hierarchieniveaus, in allen Branchen gleichermaßen vor. Es hat stets nichts mit "der Sache" und auch nicht mit "dem Einzelnen" zu tun, sondern es liegt diesem Phänomen etwas ganz anderes zugrunde. Es geht dabei nämlich immer um Gleichschaltung, um die Verhinderung von neuem
oder anderem Denken. Stets ist der Mobbende (und seine Komplizen, die Mitläufer) darum bemüht, durch neue Ideen womöglich aufkommende Unruhe zu verhindern, bzw. die Aufklärung eigener Inkompetenz zu verschleiern - indem jeglicher Ansatz von selbstständigem Denken unterdrückt wird.
Genau hier liegt der Hund begraben: Eigeninitiative, selbstständiges Denken, Engagement: all das ist entgegen sämtlichen Behauptungen in irgendwelchen Stellenanzeigen absolut unerwünscht. Man erkennt es etwa auch daran, dass offenen
Gesprächen systematisch aus dem Wege gegangen wird, derweil hintenrum Konflikte geschürt werden. Die Ähnlichkeit zu jeder Art von Diktatur, gemäß dem Prinzip "Teile und herrsche" liegen da offen zutage - und auch die Methoden, die angewandt werden, sind denen
von Geheimdiensten nicht unähnlich. Was ich in dieser Schule da mitbekomme, lässt mich unweigerlich an die Stasi denken.
Und hier bin ich dann auch schon bei dem Gefühl des Entsetzens angelangt, das mich im Zuge dieser Erlebnisse beschlich: Wenn Menschen im kleinen Kreise fähig sind, derartige Dinge zu initiieren, mitzutragen oder zu decken, dann kann man von denselben Menschen nicht erwarten, dass sie im großen Kontext (etwa in der Politik) derartige Dinge (die dann eben "Diktatur" und nicht mehr nur "Mobbing" heißen) hinterfragen oder gar zu ändern versuchen. Wie der Herr so´s Gscherr.
Kurzum: Ich erlebe diese Dinge in meinem Umfeld als Symptome einer Gesellschaft, die schon längst die "Würde des Menschen", die sie angeblich in ihrem Grundgesetz garantiert sehen möchte, auch im ganz alltäglichen Leben mit Füßen tritt. Udn wenn ich Mitleid bzw. Sympathie mit jener Kollegin empfinde, so ist das die eine Sache - die andere Sache ist aber die, dass ich mich selbst auf einmal unwohl und fehl am Platze fühle.
Das ist offensichtlich ein äußerst labiler Zustand, in dem ich mich befinde - nicht nur heute und jetzt, sondern es scheint eine Art Normalzustand zu sein, etwas, das wie eine Grundschwingung alles einfärbt. Gemeint ist hier der ständige Zwiespalt bzw. das ständige Lavieren zwischen Gelassenheit und Fröhlichkeit auf der einen Seite und Empörung und Wut angesichts irgendwelcher Missstände und Ungerechtigkeiten auf der anderen.
An diesem Wochenende erlebe ich so etwas wie eine im Zeitraffer ablaufende Abfolge dieser Zustandsänderungen: Der herrliche Frühling, der mich in diesen Tagen schon beim Aufstehen voller Zuversicht begrüßt, und darin dann eingestreut, wie Rosinen in einem Kuchen, gewisse Einzelerlebnisse, die mich die ganze Gelassenheit von einem Moment auf den anderen vergessen lassen.
Da ist z.B. diese Mobbing - Geschichte an der einen Schule, an der ich arbeite, die mich zwar nicht unmittelbar betrffti, der ich mich aber dennoch nicht innerlich entziehen kann, da ich sie ja als Zeuge mitbekomme, und dadurch augenblicklich diese Empörungszustände in mir ausgelöst werden. Im selben Moment, in dem ich daran denke, packt mich dann eine innere Wut, bis hin zu Tagträumen, in denen ich mir ausmale, wie ich der Geschäftsführerin "die Meinung" sage. Völlig kindisch und substanzlos sind derartige
Verstandesauswüchse, deren einzige Wirkung darin besteht, mir Energie zu nehmen.
Dieser mit Macht aufkommende Frühling bewirkt in mir derzeit vor Allem eines: Trägheit. Seit etlichen Tagen beobachte ich, dass ich morgens gerne noch eine Weile im Bett liegenbleibe, dass ich tagsüber trödele, dass ich am Abend mich nur schwer aufraffen kann, irgendwelche Dinge zu tun. Stattdessen fröne ich der Bequemlichkeit: ich lasse Fünfe gerade sein, schiebe Dinge auf die lange Bank, sitze tagträumend herum. Das alles passiert aber begleitet von dem Gefühl, jede Menge Energie zu
besitzen, Glücksgefühlen, usw..
Was passiert also mit dieser ganzen Energie? Ich verlagere sie offenbar in den Verstand, der in jeder zweiten seiner unzähligen Schleifen immer wieder betont, wie lebendig er doch ist. Kurzum: Ich stecke alles in pure Verstandesenergie, und wenn ich dann die dabei produzierten Gedanken anschaue, dann kommt in ihnen vor Allem ein Wort immer wieder vor: ich.
Ich plustere mich also derzeit auf wie ein Hefeteig (sogar körperlich: wie mir die Waage im Fitnessstudio anzeigte, habe ich derzeit etwa drei Kilo mehr als üblich), ohne dass das alles in sinnvolles, hingebungsvolles Tun münden würde. Und immer öfter kann ich in diesem Zuge dann auch Unzufriedenheit in mir beobachten - wie etwa in den hier bereits beschriebenen Phasen von Sinnlosigkeitsgefühlen.
Spannend ist in diesem Zusammenhang dann das heutige Erlebnis: Heute standen Klausuren bei der Arbeit an - ein besonders wichtiger Termin also. Nun passierte es aber, dass ich ausgerechnet heute "verschlief", und nur noch auf den allerletzten Drücker rechtzeitig zur Arbeit erschien - ohne geduscht und gefrühstückt zu haben. Ich verdankte es nur besonders glüklichen U-Bahn-Verbindungen, dass es doch noch klappte, nicht zu spät anzukommen. Das ist insofern außergewöhnlich, als dass mir so etwas in dieser
Härte noch nie passiert ist. Warum dann ausgerechnet heute? (Zumal ich am Abend vorher völlig normal zu Bett ging und auch gut durchgeschlafen hatte.)
Die Antwort liegt auf der Hand: Offensichtlich wollte ein Teil von mir mich auf diese Trägheit, auf diese Laschheit hinweisen, mich gewissermaßen mit der Nase darauf stoßen. Wie ein bösartiger, kleiner Teufel, der noch einmal extra eins draufsetzen möchte.
Ich befinde mich in einer großen Stadt an einem erhöhten Punkt mit guter Aussicht. Es ist dunkel und neblig, aber ich kann in der Ferne beobachten, dass ein leuchtender Gegenstand aus dem Himmel auf die Erde fällt. Im selben Moment weiß ich, das das nichts gutes bedeutet. Prompt gibt es kurz darauf eine riesige Explosion, der noch weitere ähnliche folgen. Es heißt, Außerirdische hätten die Erde überfallen und wollten die Zivilisation auslöschen. Im weiteren Verlauf des Traumes bin
ich
dann mit vielen Menschen auf der Flucht vor der Katastrophe. Dennoch habe ich keine besonders große Angst.
Ich kann mich nicht mehr an allzuviele Details des Traumes erinnern, wohl aber sehr intensiv an die Gefühle, die ich hatte: war da zunächst Angst, ja Panik gar, so schlug das bald in eine Art schicksalsergebene Akzeptanz um. Ich wusste, dass ich und viele andere sterben werden, was aber eher Respekt vor der Größe des Momentes in mir erzeugte als Angst.
Dieser Traum hängt gewiss mit Gedanken zusammen, die ich kurz vor dem Einschlafen gehabt hatte, als ich in einem Anfall von Hoffnungslosigkeit und Leere (wie bereits vor Kurzem schon einmal) einfach nur dagelegen und meine Gefühle beobachtet hatte. Zwar änderte sich dabei nichts an der Sinnlosigkeit meines Tuns, die ich erkannt zu haben glaubte, wohl aber in meiner Wahrnehmung dieser Sinnlosigkeit: weniger bedrohlich, eher als Normalität.
Anhand gewisser Vorkommnisse an einer Schule, an der ich arbeite, sehe ich, welche unguten Entwicklungen sich ergeben, wenn Menschen in Abhängigkeiten voneinander geraten. Ausgehend von Unaufrichtigkeit, Neid und vermeintlichen Sachzwängen entwickeln sich Dinge, die gemeinhin "Mobbing" genannt werden, und von denen ich nie gedacht hätte, welche Ausmaße so etwas annehmen kann. In diesem Falle bin ich nur Beobachter, aber es erschreckt mich dennoch sehr.
Allerdings habe ich derartige Dinge auch schon selbst erlebt (wenn auch in einer viel harmloseren Form), und auch damals war mir klar gewesen, dass es die Abhängigkeit (vom Arbeitsplatz, von den Kollegen usw.) ist, die wie ein Treibhaus so etwas fast zwangsläufig entstehen lässt. Letztendlich war auch dies ein Grund dafür gewesen, mich möglichst aus derartigen Abhängigkeiten herauszuhalten und selbständig zu machen.
Derzeit sehe ich mich aber immer wieder vor der Frage stehen, ob ich mich (aus finanziellen Gründen) nicht doch wieder nach einer Anstellung umschauen sollte, und war während der letzten paar Wochen dieser Idee auch immer zugeneigter geworden. Nun aber, angesichts dieser Vorkommnisse ekelt mich dieser Gedanke geradezu an.