Das Hagakure, in dem ich in diesen Tagen regelmäßig lese, empfinde ich als ein überaus hilfreiches Buch, wenn es darum geht, angestoßen zu werden. Durch seine in kleine Fragmente gefasste Struktur, die überaus nüchterne und konkrete Art der Darstellung und die darin enthaltene Konsequenz empfinde ich gerade als sehr erfrischend. Es ist erstaunlich, wie sehr dieser in Zeit und Raum so fern scheinende Autor Dinge ausspricht, die auch für mich gelten.
Es ist irgendwie immer wieder dieselbe Erfahrung: Wochenlang freue ich mich auf ein Ereignis oder eine Entwicklung - die, wenn sie dann tatsächlich eintritt, zunächst einmal nichts als ein Gefühl der verwirrten Leere erzeugt.
Ganz konkret geht es darum, dass nach Monaten großer Hektik nun endlich eine entspannte Phase beginnt: Lediglich an einer der drei Schulen, an denen ich arbeite, muss ich noch unterrichten, bei den anderen haben (was mich betrifft) die Ferien begonnen. Wie gesagt: Lange schon hatte ich mir vor Augen gehalten, wie schön es doch wäre, wenn es erst einmal soweit sei, und was ich dann alles mit der gewonnenen Freizeit anfangen könnte.
Die Realität sieht so aus, dass ich mich an diesem Wochenende wie ausgelutscht und betäubt fühlte, zu nichts Lust hatte, selbst einfachste Haushaltsarbeiten nicht auf die Reihe kriegte, und zeitweise sogar richtig deprimiert war. Selbst beim Sport kam mein Körper mir schlaffer und weniger leistungsfähig vor.
Das Ganze ist ein Energiephänomen: Ganz offensichtlich muss ich erst einmal wieder damit klarkommen wie es ist, wenn ich keinen vorgezeichneten Tagesablauf habe, für den "ich" dann Energie aufbringe. Offensichtlich bin ich an diese von außen bzw. durch die Umstände diktierte Disziplin dermaßen gewöhnt, dass es schon an Sucht grenzt.
Heute ging es dann etwas besser. Das hängt zum Einen damit zusammen, dass ich etwas tat, was ich sonst so gar nicht tue, und somit aus meinen Gewohnheiten ausbrach: Ich ging am Vormittag ins Freibad. Normalerweise finde ich nichts grässlicher, als irgendwo unmotiviert herumzuliegen und mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Dass ich es heute dennoch tat, war, weil ich sowieso an besagtem Schwimmbad, dem Badeschiff, vorbeikam, welches einfach durch seine Lage oder Architektur (ein wasserbefüllter Kahn mitten
in der
Spree) irgendwie
spannend schien, so dass ich es zwar schon seit langem vorgehabt hatte, da hinzugehen, mich heute aber eben doch spontan dazu entschloss. Tatsächlich war die Wirkung der eineinhalb Stunden, die ich dort verbrachte, unmittelbar: Der Wechsel zwischen heißer Sonne und eiskaltem Wasser bewirkte so etwas wie eine Klärung in mir. Danach fühlte ich mich gestärkt und zufrieden entspannt.
Wie gesagt: Mein Entschluss war einigermaßen spontan gewesen, oder besser gesagt: gleitend. Ich war einfach mit dem Rad vorbeigefahren und hatte dann gedacht: Ja, jetzt mache ich es einfach. Dieses Gleiten scheint mir dann auch der Schlüssel zu dem zu sein, was ich jetzt wieder erlernen muss: Dinge tun, die sich ergeben, ohne erst lange darüber nachzugrübeln und daran herumzuplanen.
An der einen Schule werden im kommenden Jahr aus gewissen Gründen die Unterrichtsstunden um fünf Minuten verlängert. Da ich als Freiberufler pro erteilte Unterrichtsstunde bezahlt werde, ist es naheliegend dass ich meinen Stundenlohn entsprechend erhöhe. Als es nun darum ging, diesen Wunsch, der eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, der Schulleiterin anzutragen, verspürte ich einen inneren Widerwillen, dies zu tun. Ich merkte, wie der Drang aufkam, irgendwelche Gründe zu finden,
dies auf später zu verschieben, empfand sogar so etwas wie Angst. Als ich es dann doch tat, weil es einfach anstand, stieß ich auf keinerlei äußeren Widerstand oder Unverständnis über mein Anliegen (warum auch?), welches sich dann als pure Formalität entpuppte.
Es bleibt aber der Nachgeschmack dieses unguten Gefühls im Vorfeld: Woher kam es?
Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich schreckhaft und schüchtern werde, wenn es darum geht, meine persönlichen Interessen zu vertreten - und zwar völlig egal, ob sie berechtigt sind oder nicht. Es geht da anscheinend nur um die Tatsache an sich, dass ich auf einmal gefordert bin, mich für mich selbst durchzusetzen - nicht für andere, nicht für irgendwelche abstrakten Dinge, die mich eigentlich gar nicht betreffen, nicht für "Gerechtigkeit" oder sonstigen moralischen Klumps. Immer wieder treffe ich
auf diese
Haltung, ganz besonders im beruflichen Bereich. Es kommt mir vor, als hätte ich eine innere Schranke oder Mauer in mir eingebaut, die die Sicherung meiner eigenen Vorteile als "verwerflich", "lästig" oder sonstwie "schlecht" abtut.
Woher das kommt, kann ich nur vermuten: Vielleicht ist es das Vorbild eines Vaters, der sich selbst betont bescheiden gibt. Vielleicht ist es einfach nur Bequemlichkeit, die zu Konfliktscheu führt. Vielleicht aber - und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich damit der Sache gar nicht so fern bin - geht es hier auch um eine ganz subtile Art von Selbsthass oder Selbstverachtung, mit denen ich mich selbst knute.
Das alles passt zu dem Hauptzug, auf den ich schon im Rahmen der Schule stieß, der in seiner gesteigerten Form daraus hinausläuft, gar nicht vorhanden zu sein. Keine Reibung, kein Konflikt, Selbstverleugnung pur. Spannend ist da auch, dass ich bei M. vor Allem genau jenes Verhalten auch "nervig" finde (obwohl sie es gar nicht so innehat wie ich). Das liegt dann einfach nur an der Spiegelung, die mich sticht.

Manchmal entstehen die besten Dinge ganz ohne Absicht. So kam ich auf meinem heutigen Spaziergang an einem Schaufenster vorbei, in dem eine Gruppe Spielzeugschweine auf einem breiten Fensterbrett aufgestellt war. Spontan fotografierte ich diese lustige Schweineherde durch das Fenster hindurch, und stellte zuhause, als ich mir das Foto ansah, elektrisiert fest, dass es nun so aussah, als würde da eine Herde kleiner Schweine auf dem Bürgersteig entlangtrotten. Offensichtlich hatte der automatische
Helligkeitsausgleich der Kamera diesen Effekt bewirkt, indem die sich im Fenster spiegelnde Straße in das Bild integriert wurde.
Spontan musste ich lachen, und es kam mir der Satz in den Sinn: "Da würde der Metzger aber staunen, wenn das Schlachtvieh plötzlich auf die Straßen demonstrieren geht, anstatt nur dabei zuzusehen, was mit ihm gemacht wird".
Auf den ersten Blick hat das nicht besonders viel mit dem Thema dieses Blogs zu tun, der Selbsterkenntnis. Aber es gehört eben doch dazu, und zwar ganz gehörig: Dieses zunächst einfach nur absurde Bild führt mir nämlich vor Augen, dass es eben noch viel absurder ist, was derzeit wirklich vor sich geht, und zwar, dass das Schlachtvieh nicht demonstrieren geht. Und zu diesem Vieh gehöre ich eben auch selbst.
Es geht da aber nicht nur um diese ganze Politik, sondern viel mehr um die Frage nach der Normalität. Tatsächlich fiel mir schon neulich in diesem Gespräch mit W. auf, dass ich mich häufig - allzu häufig - in einer Position wiederfinde, die, wenn ich sie dann wirklich ehrlich hinterfrage, als völlig haltlos entpuppt. Ihr einziges "Gewicht" bezieht sie daraus, dass ich sie in irgendeiner Weise "gewohnt" bin. Da ist offensichtlich eine ganz üble Trägheit am Werk, die irgendwelche Ideen oder
Optionen reflexhaft als "lächerlich" verwirft, sobald sie diese Gewohnheit konterkarieren.
Während der letzten zwei, drei Tage ergab sich wieder ein Mailaustausch mit D., in dessen Zuge ich mich wieder in seine zahlreichen Probleme hineingezogen fühlte, und in mir wieder dieses Gefühl der Hilflosigkeit dahingehend aufkam, dass ich zwar gerne helfen würde, es aber nicht kann. In der Vergangenheit habe ich diese Situation immer wieder erlebt - und es immer wieder als Schwächung und Schmerz empfunden.
Dieses Mal aber scheint es anders zu sein, was mir spätestens gestern Abend klar wurde, als ich einen Brief an D. verfasste. Früher hatte ich in entsprechenden Situationen zwar immer wieder direkt, offen und ehrlich meine Meinung geäußert (was nach wie vor die einzige Art des Umgangs zwischen erwachsenen Menschen sein kann und muss), dies aber jedoch in einer Art und Weise getan, in der emotionale Verstrickung mitschwang. Offensichtlich hatte ich dadurch stets versucht, der Sache mehr Gewicht, mehr Überzeugungskraft,
mehr Wirksamkeit zu verleihen.
Gestern nun, angesichts der faktischen Unmöglichkeit, wirklich helfen zu können (und sei es, weil die Hilfe, die ich anbieten könnte, gar nicht wirklich gewollt wird), kam plötzlich ein klares Gefühl der gesunden Kühle in mir auf. Auf einmal realisierte ich die Anmaßung meines Handelns, die nicht nur D. verletzen oder zumindest verschrecken muss, sondern die auch eine Entfremdung sondergleichen meiner selbst bedeutet. Auf einmal nahm ich diesen feinen Punkt wahr, ab dem Engagement in einer Sache genau das Gegenteil
dessen bewirkt, was
es eigentlich möchte. Und dieser Punkt, diese Grenze ist offensichtlich genau dann erreicht, wenn ich mich von Emotionen mitreißen lasse.
Spontan stellte ich mir die Frage, warum eigentlich ich überhaupt irgendeine Verpflichtung fühle, mich da mit "Überzeugungsarbeit" einzubringen? Und das, obwohl die Sache um die es geht und ihre Lösung, eigentlich völlig klar ist und auf dem Tisch liegt? Woher dieser Drang, da etwas zu bewirken? Familienbande? Was heißt das schon? Und für wen tue ich das wirklich? Für D.? Für mich? Aus irgendeinem "moralischen Gewissen" heraus? Weil ich dadurch mein eigenes Welt- und Selbstbild erhalten und
sogar aufpolieren möchte? Wie eine riesige Demaskierung fiel da ein ganzer Klumpen von Falschheit von mir ab - was sich dann einfach nur erleichternd anfühlte.
Interessanterweise schien ich in diesem Zustand, mit dieser Erkenntnis im Herzen, dann gerade erst einen Tonfall zu finden, der den Zugang zu meinem Gegenüber öffnete (zumindest signalisiert mir das die Reaktion darauf). Vorher war ich offenbar so sehr in meinen eigenen Hirngespinsten gefangen gewesen, dass ich dadurch jede Kommunikation blockierte.
Aber indem ich dies sage, tut sich genau schon dieser Punkt auf, an dem ich wieder Gefahr laufe, in "Hoffnung" zu verfallen und auf eine "Wirkung"
zu spekulieren: Tatsächlich wäre das dann wieder ein Rückfall in die eben erst überwunden geglaubte
Emotionalität - die sich nicht zuletzt von Erwartungen nährt. Nein: Dies hier ist ganz klar ein Lehrstück zum Thema "loslassen". Das Loslassen findet innen statt und klärt völlig. Im Außen gibt es Dinge zu sagen, zu tun, zu bewirken, aber ohne, dass es ein inneres Anhaften gibt - und dann gestalten sich die Dinge auch viel einfacher und gesünder, als man je zu hoffen gewagt hatte.
Es bleibt nach diesem Erlebnis natürlich die Frage: Wie kommt bzw. kam es zur spontanen Überwindung der schwächenden Emotion? In diesem Fall ist es ganz klar eine Folge der Erkenntnis dessen, was ist - die wiederum eine Folge des ehrlichen Eingeständnisses ist, dass gewisse Dinge nicht in meiner Hand und Verantwortung liegen. Egal wie "nahe" an meiner Person sie scheinbar stattfinden.
Seit ich dieses Loch im Geldbeutel habe, muss ich mich dauernd bücken.
Bei dieser im letzten Eintrag erwähnten Schwächung geht es immer wieder um dasselbe: Die Aufmerksamkeit wird auf die Umwelt projiziert und von mir selbst abgezogen. Dadurch entsteht dann auch dieser Abfluss von Energie, der sich irgendwann als "Schwächung" oder "Erschöpfung" bemerkbar macht. Von daher macht es an dieser Stelle Sinn, eine Art Untersuchung dahingehend vorzunehmen, bei welchen konkreten Gelegenheiten oder durch welche konkreten Mechanismen dieser Aufmerksamkeitsabzug
stattfindet.
Eine Sache, die mir da immer wieder auffällt, ist das Führen sinnloser Gespräche. Gerade am vergangenen langen Wochenende hatte es mehrere derartiger Gespräche gegeben, nicht zuletzt, weil die Freizeit Gelegenheit dazu ergab. Doch was meine ich mit "sinnlos"? Sinnlose Gespräche sind einfach Gespräche, bei denen es nicht um Themen geht, die mich wirklich betreffen. Da geht es dann um irgendwelche Dinge, über die ich zwar spreche, die mich aber nicht wirklich berühren. Mein Gesprächspartner und ich haben
dabei stets die stille Übereinkunft, belanglos daherzuseichten, um sich nicht des Schlafes zu berauben, indem man sich gegenseitig nur Dinge sagt, die nicht wirklich neu sind. Häufig genug sind derartige "Gespräche" auch nichts weiter als das Füllen von Phasen der Schweigsamkeit, so als hätte man Angst, mit seinem Gegenüber einfach nur dazusitzen und gar nichts zu sagen.
Es gibt aber auch Situationen, in denen mein Gegenüber durchaus für ihn wichtige Dinge äußert, die aber dennoch Dinge sind, die nichts mit mir zu tun haben. Es wäre an dieser Stelle dann stets meine Aufgabe, meinen Gesprächspartner darauf aufmerksam zu machen, dass mich seine Rede eigentlich überhaupt nicht interessiert und auch nichts angeht, aber in der Regel schlucke ich diesen Impuls dann herunter - sei es aus Rücksicht, aus "guter Erziehung", aus Bequemlichkeit, aus Feigheit. Hier ist dann genau
der Punkt, an dem meine Aufmerksamkeit sich dann nur noch um das dreht, was von außen auf mich einströmt, anstatt sich auf das zu richten, was ich bin.
Häufig verhalte ich mich dann so, dass ich zwar schweige, dabei aber den aufmerksamen Zuhörer mime, und gleichzeitig versuche, innerlich "auf Durchzug" zu schalten. Kurzum: Ich belüge nicht nur mein Gegenüber, sondern belüge mich auch selbst, indem ich mir vormache, auf diese Weise eine "Lösung" gefunden zu haben. Mitnichten ist das aber eine Lösung, denn dieses Verhalten bindet - wie jede künstlich aufrechterhaltene Fassade - nur noch mehr Aufmerksamkeit.
Kurzum: Bei der Schwächung durch sinnlose Gespräche läuft es immer darauf hinaus, dass ich mich zurückstelle, sei es, indem ich mich durch Belanglosigkeiten einlullen lasse (was gleichbedeutend ist mit Wachschlaf), sei es, indem ich mich aus falscher Rücksichtnahme aktiv zurücknehme, belüge und klein mache.
Der gestrige Tag kommt mir so vor, als wäre ich nur noch ein Spielball meiner Umwelt gewesen. Allerdings: Nichts spektakuläres fiel vor, ein paar Stunden im Fitness-Studio, ein langer Spaziergang mit M. und anschließendes Treffen mit A. - das war´s. Rein äußerlich also nichts besonderes.
Innerlich jedoch befand ich mich in einem Zustand, den ich am besten als Schwächung bezeichnen könnte: Viel mehr als sonst richtete ich mich nach Anderen, war ständig vom Gefühl begleitet, etwas "nicht richtig" zu tun. Das ging schon im Fitness-Studio los, als mir auffiel, dass ich bei den wenigen Gesprächen, die ich dort führte, ständig bestrebt war, zu lächeln.
Auch beim Treffen mit A. stellte ich fest, dass (um Empfindlichkeiten bezüglich gewisser Themen wissend) ich gewisse Äußerungen zurückhielt - und zwar nicht, weil mir nicht danach gewesen wäre, darüber zu sprechen, sondern weil ich einfach keinen "Unfrieden" stiften wollte. Stattdessen hielt ich mich weitgehend aus dem Gespräch heraus und ließ A. und M. das weitgehend unter sich ausmachen.
Als ich mich dann am Abend von M. verabschiedet hatte, beobachtete ich ein weiteres Symptom der Schwächung: Auf einmal kam ein Gefühl der Einsamkeit in mir auf, welches ich in dieser Weise kaum von mir kenne. Offensichtlich tat sich hier eine Lücke auf, nachdem ich mich den ganzen Tag über (und den davor eigentlich auch schon) innerlich gerichtet hatte.
Gestern besuchte ich wieder diese Veranstaltung, bei der sich mehrere Leute trafen und zu entsprechender Musik Drehtänze praktizierten. Vor etwa einem halben Jahr hatte ich schon einmal daran teilgenommen, war damals eher zufällig daraufgestoßen. Nun fand dieses Sema wieder statt, da der Lehrer der veranstaltenden Gruppe wieder im Lande ist. Und wieder war es äußerst interessant zu beobachten, was sich dabei in mir selbst abspielte.
Zunächst einmal stellte sich im Vorfeld eine gewisse Gespanntheit bei mir ein. Der Raum füllte sich langsam, und zwar wesentlich mehr als beim letzten Mal. Bis auf die riesige Tanzfläche schien er aus allen Nähten zu platzen. Von irgendwoher wurden letzte verfügbare Stühle herbeigebracht, die aber dennoch nicht ausreichten. Etwas großes schien vor sich zu gehen, das zwar noch in keiner Weise greifbar war, aber sich durch diese seltsame Menschenansammlung ankündigte. Die Sonne schien durch manche Fenster
herein und gab dem Ganzen Geschehen eine weitere unwirkliche Note: ich hatte zeitweilig das Gefühl, als wäre das alles völlig absurd und irgendwie
lächerlich.
Verstärkt wurde dieses Gefühl noch durch die Menschen selbst, die sich da versammelten: ein überaus buntes Sammelsurium jeglichen Alters, wobei viele mit irgendwelchen bunten Käppchen oder sonstigem exotischen Zubehör ausstaffiert waren. Sofort regte sich da in mir ein Widerstand: Ging es hier nur um Selbstdarstellung? Mein skeptischer Verstand gierte geradezu nach Ansatzpunkten, an denen er sich festbeißen konnte.
Nach einer kurzen Einführung begann dann die Musik. Noch immer beobachtete ich in mir diese Spannung, die sich aus Ratlosigkeit (bezüglich dessen, was ich hier überhaupt sollte) und misstrauischer Verstandesaktivität speiste. Langsam füllte sich die Tanzfläche, wobei sich gleichzeitig viele der sitzenden Zuschauer nach und nach wieder verkrümelten: Anscheinend hatte die Ankündigung, dass dies hier keine folkloristische Vorführung sei, sondern zum Mitmachen gedacht, viele von ihnen wieder vertrieben. Ich selbst
blieb wie angewurzelt sitzen und harrte der Dinge.
Irgendwann (nach etwa 45 Minuten) ließ die Spannung nach. Von einer Sekunde zur anderen stand ich auf, und fing auch an, mich zu drehen. Mit einem Male wusste ich wieder, was ich hier wollte. Einfach hier sein. Hier und jetzt. Dies war der Sinn der Veranstaltung, und der Drehtanz ist in der Tat ein hervorragender Katalysator dafür, denn er lässt keine andere Möglichkeit, als hier und jetzt zu sein. Alles andere würde den Tänzer straucheln lassen. Vier Stunden spielten die Musiker ohne Pause. Ich unterbrach meinen
Tanz
zwar hin und wieder, aber immer wieder zog es mich zurück auf die Fläche.
Nach jeder Tanzphase verstärkte sich dann ein neues Gefühl immer mehr: mein Verstand hörte mehr und mehr auf, seine Wege zu gehen. Stattdessen traten einzelne Details meiner Umgebung immer stärker hervor, und es kam mir außerdem vor, als würden meine Bewegungen fließender und irgendwie selbstverständlicher (nicht nur beim tanzen), aber gleichzeitig fühlte ich mich auch zunehmend schwächer, irgendwie dünner, verletzlicher, sensibler. Noch heute hält dieses Gefühl an.