rahmen
Blogübersicht                       Kommentare per Mail (werden evtl. veröffentlicht)



Traum vom geteilten Film

Ich befinde mich in einer Gruppe Menschen, die einen Film vorgeführt bekommen. Das Besondere daran: Die Gruppe wird in zwei Teilgruppen eingeteilt, und jede Teilgruppe sieht zwar denselben Film, aber aus völlig anderer Perspektive. Der "Teilfilm", den ich sehe, hat viel mit Wasser zu tun: Da ist ein Mann mit Schwimmhäuten, der im Wasser lebt, da sind Flüsse und Bäche. Mein Gefühl dabei ist so etwas wie Neugier und Verwunderung über die erlebte Welt. Der andere Teilfilm ist eher ein brutaler Thriller, in dem es Verfolger, Verfolgte und Tote gibt. Am Ende der Vorführung berät sich die Gesamtgruppe, und jeder besitzt nun einen Gesamteindruck des Filmes, der nun so ist, dass es weder um eine Wassermärchenwelt noch um Mord- und Totschlag geht. Alle sind bass erstaunt.

Dieser Traum spiegelt meine Zwiegespaltenheit wieder: Da ist zum Einen meine naive Gefühlswelt (Wasser, Mann der im Wasser lebt), die sich als Märchen, also als nicht real herausstellt, und da ist zum Anderen, die als Bedrohung und gnadenlos empfundene "materielle Außenwelt" (ich nenne es mal so, obwohl es das nicht so genau trifft), die ich etwa durch die Medien tagtäglich durch meine Umwelt vermittelt bekomme, bzw. die mich durch die Beschäftigung damit belegt. Beide wirken wie Antipoden. Die Synthese von beiden ergibt dann die Realität.

Mich erinnert das auch an die zwei gegensätzlichen Kräfte, die nur durch eine ausgleichende dritte Kraft (in diesem Fall die "Beratung" der zwei Teilgruppen) zu einem einheitlichen Ganzen gefügt werden können.



Bin ich ein Gutmensch?

Bei dem gestrigen Gespräch mit W. kam ich jenem Punkt ein weiteres Stück näher, welchen ich bereits seit etlichen Wochen immer wieder ansatzweise erkannte, ohne ihn wirklich festmachen zu können. Jetzt aber - katalysiert durch verschiedene Vorfälle bzw. Gespräche - verdichtet er sich immer mehr. Immer bewusster wird mir, dass ich hier offensichtlich vor einem persönlichen Tabu stehe.

Es geht um die von mir nicht hinterfragte Haltung, meine Kraft, meine Lebensenergie nicht primär zu meinem persönlichen Nutzen einsetzen zu sollen, sondern sie in den Dienst einer wie immer gearteten "Allgemeinheit" zu stellen bzw. sie zum Wohle mir nahestehender Menschen zu verbraten. Es ist eine Art Selbstlosigkeitsdoktrin, der ich da wie ein Schlafwandler dem Mond folge. Betrachtungen, warum ich das tue, wo die Ursachen sind, und wie ich es ändern könnte sind an dieser Stelle allerdings völlig fruchtlos. Eher geht es um die Feststellung, dass es eben so ist.

Und wie eine Perlenkette reiht sich da Symptom an Symptom:

- die Bereitschaft, für wenig Geld zu arbeiten, bzw. die Zögerlichkeit bei der Verfolgung meiner diesbezüglichen Interessen

- die Beschäftigung mit politischen Themen, die mir definitiv weder Ruhm noch Lohn einbringen

- die Hingabe, mit der ich z.B. irgendwelche Pflanzen hier im Haus pflege, während ich wesentlich notwendigere Dinge in meinem persönlichen Haushalt eher mit Widerwillen erledige

- die Bereitschaft, mich mit D.´s (und nicht nur D.´s) Problemen zu identifizieren

Jetzt in diesem Moment kommt mir dieses Verhalten so widersinnig vor, dass es mich schier elend macht - aber gleichzeitig kommt es mir so zu mir selbst gehörig vor wie mein linkes Ohr. Das scheint ganz tief verwurzelt zu sein. Und obwohl ich dieses Wort mit seinem zynischen Unterton ziemlich dumm und deshalb auch unklar finde, ist es das erste, das mir da in den Sinn kommt: Gutmensch.



Äußerlich nass

Nach dem gestrigen Telefonat mit M. befand ich mich wieder genau an jener Stelle, an der ich die Selbstentfremdung - in diesem Falle durch die Vereinnahmung meiner Aufmerksamkeit durch die Probleme anderer Menschen - sogar körperlich zu spüren begann. War ich an den zwei Tagen zuvor sehr präsent, innerlich gelassen und mit Freude erfüllt gewesen, so legte sich nun auf einmal wieder so ein dunkler Schleier auf meine Stimmung - bis hin zu Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Die Ursache für diese Veränderung war zwar offensichtlich, aber dennoch war es mir völlig unmöglich, mich davon zu lösen. Zu viel kochte da in mir an Gedanken und Verwirrung in mir hoch.

Heute Vormitag ging ich dann schwimmen, und als ich danach unter der Dusche stand fiel mir auf, dass alles sich auf einmal wie von selbst geklärt hatte. Auf einmal war mir klar, wie ich mich in dieser Sache zu verhalten habe, und ich fühlte auch, dass meine Kraft zurückgekehrt war. Nicht dass sich jetzt wirklich etwas an der Problematik geändert hätte - aber meine Einstellung dazu ist nun eine völlig andere. Diese giftige, lähmende Selbstentfremdung hat sich aufgelöst. Warum? Nun ja, das Schwimmen ist erfahrungsgemäß der beste Katalysator, den ich kenne, um derartige Verstandesverwicklungen abzustellen. Wenn es nur noch um Atmung und Bewegung geht, spielt der Rest keine Rolle mehr.

In diesem Zusammenhang musste ich auch an die Passage im Hagakure denken, wo es heißt, wer ständig versucht dem Regen auszuweichen und sich von Vordach zu Vordach rettet, wird ganz besonders nass. Wer dagegen nicht ausweicht, wird zwar ebenfalls nass, aber es stört ihn nicht weiter. Er ist dann nur äußerlich nass. Dieser Unterschied zwischen innerlicher und äußerlicher Nässe wude mir heute etwas klarer.



Der Punkt an dem das Echte zum Falschen wird

Nachdem ich in den vergangenen Tagen wieder zwei Artikel für krisendoku.de geschrieben habe (Die Verschleierung des Geldsystems und Der Niedergang des politischen Systems), ist es überaus spannend, zu sehen, wie sich die Beschäftigung mit diesem Thema auf mich auswirkt.

Zunächst ist da ein Drang oder gar ein Bedürfnis, mich darauf einzulassen, dem ich dann folge. An diesem Punkt sehe ich mich dann stets von dem Willen oder Bewusstsein getragen, dies mit möglichster Aufmerksamkeit und Unvoreingenommenheit zu tun, und mich selbst dabei nicht aus dem Blickwinkel zu verlieren. "Objektiv und engagiert" könnte man das auch schönfärberisch nennen. Wenn ich dies dann tue, dann merke ich, dass sich zwar zunächst so etwas wie Befriedigung einstellt - genau jene Befriedigung nämlich, die sich einstellt, wenn man seinem Gewissen folgt (egal, worum es geht) - dass ich aber stets an einen Punkt komme, wo mir diese Haltung abhanden gerät.

Das ist dann der Punkt an dem ich anfange, mich mit dem Thema zu identifizieren. Ich beginne Emotion zu entwickeln, Ärger, Ungeduld, Kampflust, aber auch Angst und Verwirrtheit. Natürlich ist das dann auch genau der Punkt, an dem es ratsam wäre, eine Pause zu machen oder gar ganz aufzuhören - aber Identifizierung besteht ja nun einmal gerade darin, dass der Blick zum Tunnelblick wird, die Aufgabe, die ich in möglichst "guter" Art und Weise erfüllen möchte, zur verbissenen Weltrettungsmission wird.

Am Ende wache ich dann irgendwann auf und merke, dass ich ich völlig erschöpft bin, da ich jede Menge Energie verausgabt habe, und dass obendrein das Werk als solches mindestens noch einmal gründlich überarbeitet gehört, da es zum dilettantischen Monster geworden ist. Es strotzt dann nur so von dieser verbiesterten Verschwitztheit, die ich bei vielen dieser sog. "Aufklärungsblogs" so unglaubwürdig finde.

Immerhin war mir heute klar wie nie, dass ich hier bei diesem Thema wieder auf einen Aspekt gestoßen werde, der für mich wichtig zu sein scheint: Die Bereitschaft, jede Menge Energie für Dinge zu verausgaben, die nur ganz mittelbar mich selbst betreffen - eine Bereitschaft, mit der ich mich selbst schwäche. Natürlich betrifft mich diese Krise und all das - es ist aber dennoch so, dass ich nicht die Grenze aus dem Auge verlieren sollte, an dem ich mich sinnlos im Kreise drehe und aufopfere.

Letztendlich ist es ein Luxus, den ich mir leiste, wenn ich Lebenskraft in diese Dinge investiere. D.h.: Eigentlich ist es kein Luxus, solange ich dem anfänglichen, echten Drang folge - aber auch dann, wenn er mir signalisiert, dass er ausgelebt ist. Wenn ich dann aber dennoch weitermache wie eine außer Kontrolle geratene Lokomotive, wird es zum verschwenderischen Luxus - und dieser Vergleich ist durchaus passend: die Lokomotive ist der Verstand, der irgendwann nur noch Dampf produziert.

Jetzt, nachdem die Texte nun online sind, gefallen sie mir ausgesprochen gut, und es freut mich, sie geschrieben zu haben. Das hätte ich aber auch einfacher haben können, wenn ich von Anfang an der inneren Leichtigkeit gefolgt wäre.



Umgang mit "persönlicher Geschichte"

Heute machte ich mich daran, eine große Kiste mit "persönlichen Erinnerungen" zu ordnen, die U. letztes Jahr hergebracht hatte. Es handelt sich um Dinge, die jahrelang in S. deponiert worden waren, nachdem das Haus meiner Eltern aufgelöst worden war. Dicke Bündel von Fotos und Briefen, Gegenstände aus meiner Jugend usw..

Stundenlang ging ich diese Dinge Stück für Stück durch, ordnete sie, warf einiges fort - und war in diesem Zuge mit einem Berg von Erinnerungen konfrontiert. Erinnerungen an vergangene Zeiten, an alte Freunde und Bekannte, an die Familie, an Orte, die ich besucht und an denen ich gelebt habe, an einzelne Phasen meines Lebens, die Grundschule, die Oberschule, die ersten Jahre in Deutschland, das Studium, die Promotion usw..

Nachdem ich damit fertig war sah und sehe ich die Wirkung, die diese Beschäftigung auf mich hat: Ich fühle mich traurig, geschwächt, haltlos. Wie ein Gespenst komme ich mir auf einmal vor, wie eine seelenlose, zufällige Aneinanderreihung von Vorfällen, die eigentlich nichts als pure Belanglosigkeit sind. Menschen, Orte und Erwartungen tauchten dabei auf und verschwanden wieder, nichts hinterlassend als ein Bündel alter Fotos, Briefe und Gegenstände.

Wahrscheinlich ist es auch genau das, was mich da so erschreckt: die völlige Belanglosigkeit dessen, was ich zu sein glaube, nicht nur die Vergangenheit betreffend, sondern eben auch das Jetzt. Denn warum sollte sich der Lebensabschnitt, in dem ich mich jetzt gerade befinde, anders sein als die Jahre zuvor? Am Ende bleibt es höchstens ein unwichtiges Bündel ärmlicher Überreste in irgendeiner halbverschimmelten Kiste.

Ob ich dieses Erlebnis nun als Schwächung oder Stärkung empfinde, ist mir momentan nicht so ganz klar. Tatsache ist, dass ich mich danach deprimiert fühle (also Schwächung), glaube aber auch zu erkennen, dass diese Deprimiertheit heilsame Aspekte hat. Sie ist die übliche Deprimiertheit, wenn sich Enttäuschung einstellt, was aber zumeist nichts anderes als ein Zusammenbrechen des falschen Selbstbildes ist. Sie ist außerdem eine Aufforderung dahingehend, mein Leben als kurzen, vorübergehenden Moment zu begreifen, dem ich nur im Hier und Jetzt Tiefe oder Echtheit geben kann.

Jegliche Beschäftigung mit der Vergangenheit ist Flucht vor dem echten Leben - und damit ist die Deprimiertheit, die ich heute empfinde, nichts anderes als eine völlig gesunde Reaktion, die dem völlig natürlichen Bedürfnis entspringt, in der Gegenwart zu leben. Eine weitergehende Bedeutung besitzt diese Emotion nicht - und der Wert von "persönlichen Erinnerungen" besteht tatsächlich einzig und alleine noch darin, daran zu erinnern, dass ein Festhalten an der Vergangenheit ein ziemlich beknacktes Unterfangen ist.



rahmen