In diesen Tagen fiel mir wiederholt auf, dass ich mich immer wieder dazu hinreißen lasse, auf Klagen anderer über irgendwelche Missstände dahingehend einzugehen, dass ich mitklage.
Die Wirkung solchen Verhaltens folgt dann stets auf dem Fuße: Ich fühle mich selbst als Opfer, werde energielos, beginne selbst eine negative Haltung zum betreffenden Thema einzunehmen und finde mich dann in einer Situation wieder, in der ich diese Dinge nicht mehr als Herausforderung empfinde, auf die ich entweder aktiv eingehe, oder sie - falls das nicht möglich ist - ganz aus meinem Leben streiche (im Sinne einer Entrümpelung).
Auf diese Weise beginne ich mich dann in einer Schleife zu bewegen, in der ich mich gewissermaßen selbst gefangen halte. Ich sehe die Wirkung dieser Haltung auch an anderen, etwa an D., wenn dort das Klagen zum Selbstzweck geworden ist und wie ein Tonband ständig weiter läuft, und dadurch jeder reale Ausweg aus der Problemstellung nicht nur nicht mehr wahrgenommen, sondern sogar aktiv bekämpft wird.
An dieser Stelle ist tatsächlich die beste Medizin, einfach zu schweigen, und den Druck auszuhalten, den das betreffende Problem erzeugt. Alles andere ist ein Verpulvern jener Energie, die man eigentlich zur Lösung benötigt.
Nun hat mich der Arbeitsalltag wieder, und gleich wurde ich mit dem Teil meines Berufes konfrontiert, den ich nicht so liebe: Die eine Schule, an der ich arbeite, wird geführt wie eine Würstchenbude, will heißen: nach einer Philosophie, die sich am schnellen Profit orientiert, mit dem Effekt, dass nur der kurzfristige Erfolg zählt, und jede längerfristig angelegte Maßnahme von Vornherein ausgeschlossen wird. Das ist insofern doppelt unangebracht, weil sich gerade diese Schule "Qualität"
und "Engagement" auf die Fahnen geschrieben hat - aber mit dieser Arbeitsweise exakt diese Dinge auf der Strecke bleiben.
Zunächst fühlte ich angesichts gewisser Neuigkeiten Unlust, Frustration und Ärger in mir aufsteigen, bis hin zu einem Punkt, wo meine Gedanken nur noch um dieses Thema kreisten. Das sog mir sogleich jegliche Freude und Energie wie ein Strohhalm aus dem Körper, was dann einen weiteren Grund dafür lieferte, mich noch mehr zu ärgern - dieses Mal über mich selbst, bzw. über meine Unfähigkeit, mich von solcher Identifikation zu lösen.
Die Lösung kam dann dennoch, nachdem ich beim Sport war (und wieder mache ich die Erfahrung, dass körperliche Anstrengung den Geist gesunden lassen kann): Auf einmal war es nicht nur mein Verstand, der mir sagte, dass meine Aufgeregtheit in Wirklichkeit ein Ausdruck von Dummheit im Sinne von Selbstentwertung ist, sondern ich fühlte es sehr genau mit jeder Faser meines Seins. Auf einmal war mir auch klar, dass derartige Gefühle immer nur ein Ausdruck von Abhängigkeit sind. Aber faktisch existiert diese Abhängigkeit
ja gar nicht. Schlimmstenfalls löse ich mich von diesem Auftraggeber,
das ist alles.
Nachdem ich gestern diesen bereits hier in "Werkstatt" veröffentlichten Text für Krisendoku.de umgeschrieben und ins Netz gestellt hatte, befiel mich zunächst so etwas wie eine völlige Leere. Wie eine ausgequetschte Zitrone fühlte ich mich. Und in diese Leere hinein wuchsen dann nach und nach Zweifel dahingehend, ob ich mit diesem Text nicht womöglich doch wieder auf der Weltverbesserer-Gutmenschen-Schiene
angekommen bin, die ich ja inzwischen als Abwendung bzw. Ablenkung von
mir selbst zu erkennen glaube.
Ich las den Text dann noch ein paar Male durch, und merkte dabei, dass diese Zweifel sich wieder verzogen, und sich stattdessen Freude breit machte. Nein, in Wirklichkeit geht es da um etwas ganz und gar wichtiges, nämlich genau um jenes Bindeglied zwischen mir und der Gesellschaft, in der ich lebe, nach welchem ich offensichtlich instinktiv immer wieder suchte, wenn ich mich mit Politik & Co. beschäftigte.
Und worin besteht dieses Bindeglied genau?
Es ist jene dort ausformulierte Erkenntnis, dass mein persönliches Glück die aktive Tätigkeit in der Welt, in der ich lebe, nicht nur berührt, sondern dass sie identisch sind. Es gibt da keinen Unterschied zwischen "innen" und "außen", zwischen "mir" und "denen". Es ist meine Teilhabe am Geschehen - aber eben nicht im Sinne von Besitz, sondern im Sinne von Sein.
Und jetzt merke ich auch, welcher tiefere Antrieb hinter der Pflege von Krisendoku.de steckt, denn auch bei dieser Tätigkeit geht es nicht primär um "die Gesellschaft" sondern ausschließlich um mich selbst, um mein Verständnis von den Dingen, die da passieren, um meine Öffnung für sie - und damit dann eben um meine Teilhabe daran.
Weiterhin befinde ich mich in diesem Zustand, dass ich nach meinem Urlaub nur halb "zuhause" bin. Immerhin kommt es mir jetzt gerade aber vor, als sei dieser Zustand wesentlich normaler und gesünder als die bedingungslose Identifikation mit der gewohnten Umgebung, wie ich es die vergangenen Jahre über erlebte.
Die Substanzlosigkeit des Glaubens an die Unverrückbarkeit Dinge, die mich umgeben (und die die meisten Menschen wohl unter dem Begriff "Heimat" verstehen), ist wohl die wichtigste Sache, die ich in diesen Tagen erkenne. Das wirft mich nämlich wieder ganz zurück auf die einzige und wahre "Heimat", die ich habe: Mich selbst. Wer bin ich? Was will ich?
Eine große Hilfe ist mir dabei wieder die Lektüre des Hagakure, da sie mir die Haltung vermittelt, auf die es alleine ankommt: Im Hier und Jetzt leben, und mich dabei nur von meinem Herzen oder Gewissen leiten lassen - nicht aber von Äußerlichkeiten oder dem Wunsch, diesen oder jenen Zustand, diese oder jene Befindlichkeit zu ändern. Damit geht es im Kern um Akzeptanz - um die Notwendigkeit nämlich, mich mit dem auseinanderzusetzen, was da ist, ohne mich dabei auf liebgewordenen Bildern auszuruhen.
Mehr und mehr bin ich nun auch innerlich wieder hier angekommen - und Auffälligkeiten dahingehend, was hier "anders" ist, gibt es für mich immer weniger. Dennoch, ein Punkt bleibt, und um ihn zu deutlich zu machen, ist wohl das folgende Erlebnis mit diesem Kind am geeignetsten, denn nichts ist mehr Spiegelbild seiner (menschlichen) Umgebung als ein Kind:
Eine Mutter und ein etwa vierjähriges Kind stiegen in den Bus ein, in dem es nicht mehr viele, aber doch noch genug freie Sitzplätze gab. Da der Bus schnell Fahrt aufnahm und in die Kurven ging, wies die Mutter dem Kind den nächstbesten Sitzplatz zu, besser gesagt: sie Fragte (!) das Kind, ob es sich denn bitte dahinsetzen wolle. Nein, es wollte nicht, es wollte weiter. Dort, wo das Kind hin wollte, also weiter hinten im Bus, gab es aber keinen Sitzplatz mehr, weshalb die Mutter mit dem Kind wieder zurück
zu dem zunächst anvisierten Platz kehrte. Wohl
gemerkt: All
das geschah nicht etwa schweigend und in stillem Einverständnis, sondern mit lautem Hin und Her, als ginge es hier mindestens um die Lösung der Weltkrise.
Plötzlich entdeckte das Kind weiter vorne einen anderen Sitzplatz, der auf einer Stufe erhöht war, rannte recht schnell dorthin, versuchte den Sitz zu erklettern, schaffte es aber nicht, sondern hing dann irgendwie in seltsamer, gewiss einige Anstrengung kostender Position an der Haltestange. Es wäre ihm zwar fraglos ein Leichtes gewesen, den Sitz selbst zu erklettern, aber ich hatte den Eindruck, das wollte es gar nicht. Es ging vielmehr darum, weiter Wind zu machen und zu nötigen. So hing es da mit unduldsam
verzerrtem Gesicht herum, glotzte die Mutter vorwurfsvoll an und schraubte die Lautstärke weiter hoch, damit die Mutter ihm behilflich sei, was sie dann auch war. Etwa zwei Minuten später war der Spuk aber auch schon wieder vorbei: Die beiden stiegen aus.
Worauf will ich mit dieser Geschichte hinaus? Ganz einfach: So wie dieses Kind sich verhielt, so verhält sich hier die ganze Gesellschaft: Unselbständig, laut und aufgemotzt, völlig egoistisch und von sinnloser Energieverschwendung geprägt. Und es sage hier bitte niemand, Kinder seien halt mal so, da müsse man nachsichtig sein: In den vergangenen drei Wochen hatte ich es mit wesentlich mehr Kindern (auch diesen Alters) in öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun, von denen aber keines sich auch nur halb so krank
aufführte wie dieses hier. Nein, es handelt sich hier um eine ganz bestimmte verquere Haltung zum Leben, die diesem Volk schon von Kindesbeinen an in den Knochen steckt. Mit dem Kindsein als solchem hat das gar nichts zu tun.
Das alles erinnert mich auch an den Film "Das weiße Band", der genau diesen Punkt perfekt darstellt: Eine verkorkste Gesellschaft gebiert Aggression - von den Eltern übertragen auf die Kinder. Und es geht hier folglich weiß Gott auch nicht darum, über die Kinder in diesem Lande herzuziehen (die sich nun wirklich nicht das Land aussuchten, in das sie geboren wurden), sondern einfach nur darum, dass man gerade an ihnen sieht, was hier
falsch läuft - und zwar ganz abseits von Wirtschaft
und Politik und Umwelt und was weiß ich noch allem. Es geht einfach um das menschliche
Miteinander, das frei, offen und lebensfroh gestaltet werden kann, oder von Kommandoton, Anspruchsdenken und Aufmerksamkeitsheischerei geprägt - und das sich, so oder so, ganz unmittelbar auf den Zustand des Einzelnen auswirkt.
Es ist schon ein paar Jahre her, seit ich das letzte Mal länger verreist war. Meine gestrige Rückkehr empfinde ich gerade als sehr beeindruckend - mehr noch als die Reise selbst. Sie ist eine Konfrontation mit meinem alltäglichen Leben hier in D., wie ich sie in dieser Heftigkeit nicht erwartet hätte.
Schon während der ersten etwa zehn Minuten auf deutschem Boden, auf dem Frankfurter Flughafen, setzte es ein: Die Art wie man sich hier wegen Kleinigkeiten anbellte und anblaffte schockierte mich aufs Äußerste. So viel Angespanntheit, so viel Aggressivität, so viel angestaute Energie, so viel Kampf! Es war, als befände ich mich auf einmal in einem schlechten Film oder in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses. Und es ging dann heute genau so bei meinem ersten morgendlichen Rundgang hier
im Viertel weiter: An jeder Ecke sprangen mir Unzufriedenheit, Kaputtheit, Verdruckstheit und Seelenlosigkeit entgegen. Ich empfand mich dabei als ein völliger Fremdkörper, selbst in Situationen, die sonst mein Alltag sind: beim Einkaufen, beim Plausch mit einer Zufallsbegegnung, bei einem Kaffee an der Ecke.
Nein, es geht hier beileibe nicht darum, mich über die Zustände hier zu beklagen. Schließlich lebe ich ja seit Jahren genau in diesem Film, ohne dass mir diese Dinge aufgefallen wären. Viel mehr war ich selbst stets ein Teil dieser Welt, und werde es bestimmt bald wieder sein, sobald dieser Wahnsinn für mich nach einer sogenannten "Eingewöhnungsphase" wieder zur "Normalität" geworden ist. Von daher bringt es auch überhaupt nichts, an dieser Stelle im Einzelnen auf das einzugehen, was ich während
dieser
vergangenen
drei
Wochen als "anders" erlebte, und was mir jetzt hier als so bedrückend auffällt. Das hieße nämlich, den Blick nach außen zu wenden. Auch die Konsequenzen, die ich womöglich aus diesen Erlebnissen ziehe, gilt es erst dann zu betrachten, wenn sie real werden. Andernfalls würde ich mich in Träumereien verlieren.
Nein, es bleibt an dieser Stelle einfach nur die Feststellung, dass die Brille, mit der ich in den vergangenen Jahren durch mein Leben stapfte, einen gehörigen Sprung bekommen hat, den ich zunächst zwar als lästig und unangenehm empfinde, von dem ich aber ahne oder sogar weiß, dass er ein Segen ist.
In diesem Zusammenhang empfinde ich meinen letzten Eintrag von vor etwa einem Monat als geradezu prophetisch. Das Gefühl der Zerrissenheit, das der darin geschilderte Traum vermittelte, entspricht ziemlich genau meinem momentanen Zustand.