Auch dieses passt zum Thema:
Zu Beginn dieses Schuljahres wurde ich vor etwa sechs Wochen an der einen Schule völlig überraschend zwei Klassen als Lehrer zugeteilt, auf die ich (nach einer vor den Sommerferien erfolgten mündlichen Absprache) so gar nicht vorbereitet war. Zunächst fasste ich diese unerwartete Situation als Herausforderung auf.
Da ich diesen Jahrgang bislang nicht unterrichtet hatte, ich mich aber in kürzester Zeit darauf vorbereiten musste, stürzte ich mich auf alle möglichen Quellen von Unterrichtsmaterialien (Internet, Bücher, Übungsaufgaben usw.) und ließ mich auch von Kollegen beraten. Kurzum: Ich begann, fremde Konzepte zu übernehmen. Das Ergebnis war, dass alles immer unübersichtlicher und chaotischer wurde - was sich natürlich sofort auf den Unterricht niederschlug, aber eben nicht nur darauf: Auch ich selbst begann, immer weniger
Freude an meiner Arbeit zu empfinden, dachte mit immer größerem Unbehagen an die nächste Unterrichtsstunde.
Im Laufe dieser Woche jedoch erlebte ich während des Unterrichts plötzlich den Drang, all dieses angesammelte, von außen absorbierte Zeugs einfach den Bach runtergehen zu lassen, und den Unterricht wieder mehr aus dem Bauch heraus zu gestalten - ohne diese ganzen netten Filmanimationen, Übungszettelchen, vorgefertigten Unterrichtsprogramme. Das geschah ganz einfach aus einer Art Not heraus: Ich spürte, wie mir der Unterricht (d.h.: die Aufmerksamkeit der Schüler) mehr und mehr entglitt, und wie ich selbst immer
verwirrter wurde. Die an dieser Stelle aufkommende Ratlosigkeit war dann der Punkt, an dem ich die Notbremse zog - und zwar völlig instinktiv, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken.
Nun, nachdem ich aufhörte, irgendwelche Vorgaben sklavisch zu befolgen, wurde ich wieder spontaner und entspannter - so wie ich es eigentlich meistens während des Unterrichts bin: Ich pinselte aus dem Handgelenk irgendwelche Bildchen an die Tafel, sprach die Schüler direkt an, schweifte vom vorgegebenen Thema auch mal gründlich ab, wenn meine Begeisterung für ein anderes, nur entfernt damit zusammenhängendes Thema mich selbst packte. Der Erfolg kam dann stehenden Fußes: Die Schüler machten mit, stellten Fragen,
quasselten nicht mehr - und mir selbst
kam es vor, als verginge die Zeit wie im Fluge und sei eigentlich viel zu kurz.
Worauf will ich hier hinaus? Indem ich mich durch die neue Aufgabe hatte einschüchtern lassen, und mich in diesem eingeschüchterten Zustand dann auf irgendwelche von außen kommenden Hilfsmittel verlassen hatte, vernachlässigte ich das, was ich selbst an Fähigkeit und Freude, sprich: Lebenskraft zur Verfügung hatte. Ich ließ mich in ein Schema pressen und raubte mir dadurch selbst jedwede Energie. Wie so oft. Und auch hier ist es wieder der Blick nach außen, durch den ich mich selbst geschädigt hatte.
Interessant ist an dieser Stelle noch eine Beobachtung, die ich immer wieder mache, aber leider auch allzu oft wieder vergesse: Lange bevor ich selbst bemerkt hatte, wie sehr ich mich in meiner schematischen Sackgasse verrannt hatte, hatten es die Schüler bemerkt, und direkt quittiert. Der Spiegel meines Tuns könnte direkter gar nicht sein, als ihn mir diese Jugendlichen bieten. Allerdings, bevor man das verwechselt: Auf einen derartigen Spiegel zu achten (der ja auch von "außen" kommt) hat definitv gar nichts mit der Haltung zu tun, die ich hier als Ursache der Untergrabung der Lebenskraft erkenne (nämlich die Übernahme fremder Maßstäbe und Konzepte). Vielmehr wird dieser Spiegel nur durch die direkte Wahrnehmung eines Gefühles (hier etwa des Überdrusses) nutzbar. Das läuft auf einer ganz anderen Ebene als der verstandesmäßigen ab.
Es sind immer Selbstzweifel, die die Lebenskraft untergraben. Auch am vergangenen Wochenende, an dem J. zu Besuch war, konnte ich das wieder beobachten.
J., den ich schon etliche Jahre nicht mehr gesehen hatte, wirkte vom ersten Augenblick an auf mich wie ein Energiebündel - und zwar im positiven Sinne gemeint: Er war überaus eloquent, wusste zu allen möglichen Themen Bescheid, brachte intelligente Gedanken und Themen auf usw.. All das aber, ohne auch nur im Geringsten anmaßend oder so etwas auf mich zu wirken. So weit so gut.
Je mehr ich mich dann aber mit diesen Erfolgsgeschichten - denn darum handelte es sich in der Regel - auseinandersetzte, desto mehr kamen die Selbstzweifel in mir auf: Warum bin ich selbst nicht so erfolgreich? Mache ich etwas falsch? Wie muss ich mich verändern, um ebenso erfolgreich zu sein? (Mit "erfolgreich" meine ich hier einfach Dinge wie Karriere, viele Reisen, Kinder, Geld usw. - alles Dinge, mit denen ich in dieser Fülle nicht unbedingt aufwarten kann.) Gleichzeitig stieg so etwas wie völlige
Mutlosigkeit und Schlaffheit in mir auf.
Was hier passierte war, dass ich anfing, mich mit einem anderen Menschen zu vergleichen - und im selben Augenblick, meine eigene Energie untergrub. Hatte ich mich vor J.´s Ankunft noch überaus stark, fröhlich und lebendig empfunden, so befand ich mich danach in einem Zustand der grüblerischen Unzufriedenheit. Wieder war ich auf die Falle hereingefallen, die darin besteht, mich von der Eloquenz anderer Menschen einschüchtern zu lassen. Es scheint immer wieder derselbe Mechanismus zu sein, ohne dass ich daran etwas
ändern könnte.
Heute, nach einer gut durchschlafenen Nacht, war dieses Gefühl dann zwar größtenteils wieder verschwunden, bzw. es kam sogar Freude darüber auf, eben nicht gewisse Äußerlichkeiten am Bein zu haben, die ich zuvor noch als "Erfolg" empfunden hatte - es bleibt aber der Nachgeschmack, mit meinem so eben doch als ausgefüllt empfundenen Alltag auf tönernen Füßen zu stehen.
Nun habe ich mich dazu hinreißen lassen, mich an einem Diskussionsforum zu beteiligen, in dem es um die Lösung der aktuellen Wirtschaftskrise geht. Dabei fiel oder fällt mir auf, wie sehr sich meine Herangehensweise von der der allermeisten anderen Teilnehmer unterscheidet - und wie sehr dieses Erlebnis auch ein Spiegel dessen ist, was ich in vielen Alltagssituationen erlebe.
Das gestrige Erlebnis besteht darin, dass die allermeisten Teilnehmer dieses Forums anscheinend schon von Anfang an wissen, was sie mitteilen möchten. Sie treten in das Forum mit einer vorgefertigten Meinung ein, und hauen sie den anderen Teilnehmern um die Ohren. Das geschieht dann zwar durchaus mit viel "Sachkenntnis" und "Hintergrundwissen", aber ohne jedwede fragende Haltung. Die verschiedenen Teilnehmer verstrickten sich dann folgerichtig in einem Gefecht von "Argumenten"
und "Erwiderungen", ohne dass da wirklich Kommunikation stattgefunden hätte - trotz allseitiger Beteuerungen, man sei an einer "konstruktiven Lösung" interessiert.
Ich selbst kam mir in diesem Kugelhagel von Äußerungen dann irgendwann verloren vor wie in einem Schützengraben. Zu sehr eskalierten da die "Argumente" in einen Modus "Fachchinesisch", als dass ich guten Gewissens noch etwas hätte äußern mögen, ohne mir dumm und unbedarft vorzukommen. Mein eigener Modus war dagegen eher der des Fragenden gewesen, dessen also, der sich auch informieren möchte - aber jede Frage meinerseits wurde ganz offensichtlich als Schwäche abgetan, die bestenfalls mitleidig
belächelt gehört.
Nun ist dieses Erlebnis tatsächlich etwas, was ich auch im Alltag immer wieder erlebe: Trete ich nicht mit einer gehörigen Portion Forschheit auf, bewaffnet mit flotten Sprüchen, die Fachkenntnis vermitteln sollen, dann endet es stets so, dass ich als schwächlich, orientierungslos, disziplinlos und was weiß ich noch alles abgetan werde. Selbst in Situationen, wo es angeblich so gar nicht auf Äußerlichkeiten ankommt, erlebe ich das immer wieder. Die Abwesenheit eines Panzers - denn um nichts anderes handelt es
sich bei all der "Bestimmtheit" in Wirklichkeit - scheint meinen Mitmenschen zu signalisieren, dass ich nicht ernst zu nehmen sei.
Früher litt ich darunter immer wieder, fühlte mich in die zweite Reihe zurückgestoßen, fühlte und verinnerlichte mitunter sogar, dass meine Anliegen unwichtig seien. Auf diese Weise untergrub ich meine eigene Lebenskraft. Nun dämmert mir, dass nicht mein Auftreten sondern diese Verinnerlichung ein Fehler ist.
In diesen drei Tagen in Süddeutschland auf der Familienfeier war dieser Zustand der Unaufmerksamkeit (mir selbst gegenüber) bereits überaus ausgeprägt. So harmonisch und fröhlich es dort zuging, so sehr fiel mir (natürlich nur in kurzen Momenten) auf, wie sehr ich mich vom Geschehen absorbieren ließ. Ich war nur noch ein Reagierender, Antwortender, Schlafender. Tatsächlich sind es gerade solche, als angenehm empfundene Situationen, in denen ich besonders zum Schlafzustand (im Sinne von
Selbstbeobachtung) neige.
Das Ganze steigerte sich dann jedoch im Laufe des heutigen überaus hektischen Tages dann noch weiter. Bedingt durch die vierstündige Zugverspätung und den daraus erwachsenen Stress am gestrigen Abend, an dem ich noch Dinge für heute vorbereiten musste, sowie durch das ebenfalls durch die Verspätung bedingte späte Essen schlief ich dann noch ausgesprochen schlecht, und fand mich dann heute in einem Zustand wieder, der nicht anders als mit "zombiehaft" bezeichnet werden kann. Es ging mir nur noch darum,
all die anstehenden Dinge irgendwie hinter mich zu bringen, ohne dass ich noch Energie, Zeit oder besser: Aufmerksamkeit darauf hätte verwenden können, meinem Tun die Kraft der Präsenz beizumessen.
Eigentlich handelt es sich bei der hier beschriebenen Situation um das ganz gewöhnliche Hamsterrad, um jenen Zustand also, in dem ich den Eindruck habe, den Dingen nur noch hinterherzurennen. Es ist aber dennoch sinnvoll, es hier niederzuschreiben, weil ich heute Abend dann auf einmal die schmerzhafte Leere in mir fühle, die solches Tun stets in mir hinterlässt.
Mir wird der Kauf einer Wohnung angeboten. Sie ist klein, aber wunderschön: hell, mit einem großen Wasserbassin darin, gemütlich. Ich bin sehr glücklich über diese Gelegenheit. Als ich mich dann länger darin aufhalte, stelle ich fest, dass in dem Wasserbassin lauter tote Fische schwimmen, dass die Holztäfelung völlig schrottig ist, dass die Heizung uralt und untauglich ist. Das Gefühl der Last komt auf: Es gibt viel zu tun, bis ich mich hier wohl fühlen werde.
Wohnungen und Häuser haben in Träumen erfahrungsgemäß mit der Lebensgrundlage, also auch mit dem Beruf zu tun. Der Anfang dieses Traumes reflektiert ziemlich genau meine Gefühle angesichts dieses neuen Projektes zusammen mit M., das sich langsam zu entwickeln beginnt. Auf den ersten Blick wirkt es geradezu grandios. Auf den zweiten Blick jedoch bemerke ich, dass ich mich da heranbegebe wie der letzte Naivling. Es wird einige Zeit brauchen, bis es Früchte tragen wird - wenn überhaupt.
Da heute allerorten der Vorfälle am 11.09.2001 gedacht wurde, schaute ich spaßeshalber in mein damaliges Web-Tagebuch, und stieß auf folgenden Eintrag, den ich an genau jenem Tag schrieb:
Unfrieden
Was mich heute aus meiner inneren Ruhe herausriss, waren die terroristischen Anschläge in den USA. Ich war, als ich es bei der Arbeit erfuhr, nicht mehr imstande (oder bereit) mich auf die Arbeit zu konzentrieren, und machte Feierabend. Ich war geschockt. Und versuchte, mich dabei zu beobachten. Was mir vor allem auffiel: wie sehr ich immer noch bereit bin, mich in weltliche und gar politische Themen involvieren zu lassen - der Anlass muss nur groß genug sein.
Weiterhin beobachtete ich meine Reaktion zu diesem speziellen Vorfall, und stieß auf zum Teil widersprüchliche und für die "Allgemeinheit" womöglich erschreckende Muster in mir:
1. Ich ließ eine ziemliche Sensationsgier in mir aufkommen, und ging extra in einen Imbiss, wo ein Fernseher lief (ich selber habe keinen Fernseher), nur um die dramatischen Bilder vom Zusammensturz des World-Trade-Center zu sehen. Ich empfand dabei ein aufregendes Prickeln.
2. Die in den Berichten allseits zur Schau getragene "Trauer", "Mitgefühl mit den Opfern" oder "Betroffenheit" konnte in mir nicht so richtig aufkommen - jedenfalls nicht im Sinne einer Empathie mit den Opfern. Im Gegenteil: ich empfand sie zum großen Teil als große Heuchelei und erwischte mich selbst sogar bei dem Gedanken, dass es ja möglicherweise die Richtigen getroffen haben könnte. Schließlich macht auch niemand Aufhebens um die Opfer, vor allem in Ländern der sog. "Dritten
Welt", die in Kriegen umkommen, die durch Kapital aus den Industrieländern genährt und angezettelt werden, und die nur der Plünderung dieser Länder dienen - mit dem Wissen aller Beteiligten auch bei uns, und ohne dass jemand etwas dagegen unternehmen würde. Zahlen- und quälfaktormäßig übertreffen diese Opfer die heutigen Terroropfer um Größenordnungen und sind dabei ebenso Opfer von menschlicher Dummheit und Willkür, wie die Opfer der heutigen Terroranschläge. Viele der heute umgekommenen waren mit Sicherheit
aktive "Täter" in diesem "Spiel" - so sagte ich mir, vielleicht um meinen eigenen Mangel an Empathie rational zu entschuldigen (angesichts der sich um mich herum überschlagenden emotionalen Wellen). In diesem Sinne dachte ich wohl genau das, was die Attentäter von heute "demonstrieren" wollten - was meinen Ärger noch weiter steigerte, denn einerseits halte ich das, was durch Pentagon und World-Trade-Center symbolisiert wird, für durchaus kritikwürdig, möchte mich aber andererseits
nicht vor den Karren von Terroristen spannen lassen. Hier regte sich mein "politisches Ego" ganz massiv.
3. Hauptsächlich ärgerte mich aber, dass von "menschlichem Mitgefühl" gelabert wurde, und dabei eigentlich nur der eigene Schrecken gemeint war, der durch die mutwillige Zerstörung von "Symbolen der Macht" hervorgerufen wurde. Ich musste an die Zerstörung des Turmes von Babylon denken und an die Tarot-Karte "Der Turm" (nicht sehr phantasievoll, zugegeben). Ich konnte nicht umhin, die ganze Betroffenheit um mich herum zu entlarven als die Angst vor der Vergänglichkeit an sich (selbst
solch mächtiger "Bastionen") - und damit vor allem Angst um den eigenen Pelz. Somit konnte ich diese von meiner Umwelt zur Schau getragenen emotionalen Aufwallungen nicht besonders ernst nehmen, erwischte mich sogar bei dem Gedanken, dass manchem meiner Mitmenschen diese Lektion ganz gut tun könnte.
4. Echtes Mitgefühl mit den Opfern konnte nur sehr spärlich in mir aufkommen, dafür war das alles zu weit entfernt, zu unglaublich. Mich erinnerte das Ganze eher an einen billigen (amerikanischen) Science-Fiction-Film, der einfach zu irreal wirkt um wahr zu sein. Das einzige echte Mitgefühl, das in mir aufkam, war, dass ich an die Familie meines Freundes M. denken musste, die in NY lebt. Ich erfuhr aber, dass sie ihn bereits in Berlin angerufen haben mit der Nachricht, alles sei in Ordnung. Das erleichterte mich
ehrlich.
5. Was mich heute wirklich betroffen machte, und zeitweilig echte existenzielle Angst in mir hervorrief war die Tatsache, dass mit diesem Vorfall eine neue Manifestation der Verrohung in unserem Alltag sichtbar wird, die sich absehbar negativ auf den Frieden, im Großen wie im Kleinen, auswirken wird. Es ist aber wie gesagt nur eine Manifestation der Verrohung - die Ursachen gab es bereits vorher, und ich kann keinen alleinigen Schuldigen dafür ausmachen. Die jetzt angekündigte Hexenjagd seitens der Amerikaner
und ihrer Verbündeten halte ich für gefährlich und dumm (für alle). In diesem Zusammenhang wurde mir viel zu oft das Wort "Vergeltung" in den Mund genommen, so als ob damit auch nur ein Problem gelöst, ein Anschlag verhindert werden könnte.
Auf jeden Fall schaffte ich es heute nicht, unbeteiligt diesen Vorfall zu erleben - ich war in Aufruhr. Ich erkenne die Tatsache, dass dieser Anschlag nicht nur in der äußeren Welt, sondern auch in mir selber Unfrieden provoziert hat - und dass ich Unfrieden dadurch in mir provozieren lasse. Da ist in mir offensichtlich immer noch das Verlangen bzw. die Lust, mich von weltlichem Geschehen mitreißen zu lassen.
Soweit der damalige Eintrag. Er erscheint mir in vielerlei Hinsicht ziemlich erhellend, etwa was meine eigene Entwicklung angeht: Ohne da jetzt auf ganz konkrete Textstellen einzugehen, erkenne ich da z.B. schon am Tonschlag, dass seit damals eigentlich keine "Entwicklung" bei mir stattgefunden hat, sondern eher eine heilsame Zurückentwicklung: Ist in dem Text von damals noch eine ganze Portion Bemühtheit und Ehrgeiz spürbar, was "Spiritualität" und so angeht, so kommen derartige Betrachtungen
mir beim heutigen
Lesen
ziemlich weltfremd und romantisch vor, und entlocken mir fast schon ein Schmunzeln.
Der wichtigste Punkt betrifft aber das Thema selbst: Aus heutiger Sicht gelesen kommt mir mein Eintrag als womöglich das Ehrlichste vor, was jemals zum Thema geschrieben wurde. Und es zeigt mir auch genau, worunter ich damals (und auch bei anderen Anlässen immer wieder) litt, und mitunter auch noch leide: Es ist der Unwillen bzw. auch die Unfähigkeit, mich von einer allgemeinen Gruppen-Emotionalität mitreißen zu lassen. Und tatsächlich sind viele "unangenehmen" Empfindungen, die ich in der Vergangenheit
machte und auch noch mache, genau
hier angesiedelt: Das Verhalten bzw. Empfinden der Masse ist mir so fremd wie nur etwas - aber meinem eigenen Verhalten und Empfinden stehe ich dann ebenfalls skeptisch gegenüber, weil es ja scheinbar so "anders" ist als das der Mehrheit - und irgendein kleiner Mann im Hirn sagt mir, dass die große Masse ja wohl mehr wissen müsse als ich kleiner Pimpf. Die Folge ist, dass ich mich mit meinen Gefühlen unwohl und einsam fühle.
Immerhin: An diesem Beispiel hier sehe ich aber ganz deutlich, dass meine Gefühle und Wahrnehmungen gar nicht so falsch, und vielleicht sogar hundertmal wahrer als die der Masse sind - einfach, weil sie in mir selbst sind. Sie sind mein eigenes, echtes Leben. Und tatsächlich ist das, was ich damals, am Tag des Anschlags schrieb, sogar aus "objektiver" Sicht ziemlich prophetisch, dünkt mir - zumindest hat es sich zehn Jahre später in großen Teilen bestätigt, etwa was die abgrundtiefe Dummheit angeht,
mit der die westliche Welt damals auf dieses Ereignis reagierte.
Ich liege auf der Couch, höre auf die von draußen durch das offene Fenster kommenden Geräusche, schaue auf meine Gedanken.
Auf einmal wird mir die ganze Identifikation bewusst, mit der ich während der vergangenen Tage durchs Leben gelaufen bin. Da sind unterschiedliche, scheinbar nicht miteinander zusammenhängende "Geschichten", die aber denoch ganz offensichtlich einen gemeinsamen Nenner haben: Es handelt sich samt und sonders um Dinge, die mich nicht unmittelbar betreffen, sondern die mir aus zweiter oder dritter Hand zugetragen wurden, auf dass ich mich ihrer annehme.
Und dieses "Annehmen" passiert eben nur auf rein verstandesmäßiger Basis, und besitzt damit schon das Hauptmerkmal der Identifikation - eben die, Verstandeswerk zu sein. Der Punkt, auf den ich an dieser Stelle stoße, ist, dass es offensichtlich schon auszureichen scheint, überhaupt nur an irgendetwas zu "denken", um damit identifiziert zu sein - und umgekehrt wird ein Schuh daraus: Jeder Gedanke ist Identifikation.
So radikal hatte ich das bislang nicht empfunden, hatte ich mir doch eingeredet, es gäbe "schädliche" Gedanken (also solche, die Identifikation fördern) und "nützliche" (also solche, die Identifikation auflösen). Jetzt sehe ich, dass auch letztere Kategorie niemals zur Freiheit von Identifikation führen kann. Bestenfalls wird eine stärkere Identifikation durch eine weniger starke ersetzt.
Diese völlig chaotische Organisation an einer der Schulen, an denen ich arbeite, konfrontiert mich mit einem Arbeitsgefühl, das ich zunächst einfach nur "stressig" nennen kann. Nur leider hilft das Festmachen an einer Befindlichkeit da kein bisschen weiter. Ich wundere mich, dass ich aber genau dies in diesen Tagen tue: Ich schlafe und träume unruhig (zum Thema), sehe, wie meine Gedanken immerzu wieder dorthin zurückkkehren, beharre in Gesprächen darauf, mich "unwohl"
und "genervt" zu fühlen und: klage. Das wars dann aber auch schon.
Tatsächlich ist diese Haltung einfach nur völlige Unbewusstheit bzw. mangelnde Selbstreflexion. Es tut also Not, sich das genauer anzuschauen.
Da ist zum Einen ein Gefühl oder eine Haltung, die ich schon lange von mir kenne: Werde ich von außen irgendwelchem Druck ausgesetzt, dann verfalle ich in eine bockige Haltung, die sich letzten Endes nur gegen mich selbst richtet - in Form eben jener geschilderten Befindlichkeit. Ich gebe dann der Unfähigkeit oder dem mangelnden guten Willen anderer Menschen die Schuld an meiner Lage, um dann - sozusagen als Bestätigung dieser These - mich noch weiter in das Unwohlsein hineinzusteigern. Es ist wie ein Teufelskreis:
Andere sind schuld, dass ich mich "schlecht" fühle, ergo muss es mir immer schlechter gehen, solange diese vermeintlich Schuldigen nichts an meiner Situation ändern. Und da das natürlich nicht passiert, steigt mein Unwohlsein noch weiter.
Immerhin gibt es hin und wieder einzelne Momente, an denen ich es fertigbringe, Distanz zwischen dieser Befindlichkeit und mir aufzubauen, etwa indem ich mir sage, ich könne ja jederzeit die ganze Sache hinschmeißen. Dies ist zwar offensichtlich ein reiner Fluchtreflex, dem ich in der Vergangenheit oft folgte, und von dem ich inzwischen auch weiß, dass er letzten Endes gar nichts bringt - der mir aber immerhin dahingehend Erleichterung verschafft, als dass er mir meine Identifikation mit der Situation vor
Augen führt und sie damit gleichzeitig in Frage stellt.
In solch einem Moment der Erleichterung kam nun - sozusagen als weiterführende Alternative - die Gewissheit auf, dass die gegenwärtige Situation einfach nur eine Herausforderung darstellt, auf die es sich lohnt einzulassen. Ich bin im kalten Wasser und habe drei Alternativen: drin bleiben und frieren, heraussteigen oder schwimmen. Als ich das kapiert hatte, empfand ich dann heute einen tiefen Moment der Ruhe. Es war, als wäre mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. Folglich war es auch kein Verstandeswerk -
es ging tiefer.
Der Platz ist gut gewählt: Eine Bank am Ende eines Grünstreifens, der von hohen Bäumen eingerahmt ist, mit Blick auf den schönen, aus zwei großen kunstvoll gearbeiteten Granitschalen bestehenden Brunnen, aus denen feine Wasserschnüre herabrieseln. Die Tatsache, dass ich hier sitze, wird mir plötzlich bewusst, keimt auf als blasse Erinnerung, die immer intensiver wird. Es ist die Erinnerung an mich selbst.
Anhand des gestrigen Gespräches mit A., der ein ausgeprägter Jovial-Typ ist, kann ich sehr deutlich mein Verhalten im Kontakt mit solchen Menschen erkennen.
Zunächst fühle ich mich angenehm berührt, auf einen Menschen zu treffen, der, im Gegensatz zu den meisten Menschen, kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern frei von der Leber spricht. Das ist dann, als könnte ich mich für einen Moment lang von der allgemein verbreiteten Verdruckstheit ausruhen, und fühlt sich wie Urlaub an. In der Regel empfinde ich das als Stärkung, und fühle mich dann dazu animiert mich selbst um Offenheit zu bemühen und am Gespräch teilzunehmen.
Bald aber wird klar, dass diese Jovialität, die ich als Offenheit interpretierte, in Wirklichkeit nur dem Zwecke dient, andere mitzureißen (wie in meinem Falle ja auch gelungen) - nicht aber um "Wahrheit" oder "Offenheit" zu pflegen, sondern alleine, um Aufmerksamkeit zu erheischen und die eigene Person in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Erkenntnis folgt dann auf dem Fuße so etwas wie Enttäuschung oder Frust. Wieder einmal habe ich mich in gutem Glauben zu etwas hinreißen lassen. Das ist
dann, als würde mir jeglicher Halt genommen, als wäre ich eine heiße Kartoffel, die man fallen lässt.
Die Reaktion darauf: Verschlossenheit kommt in mir auf, wie eine Trotzreaktion auf die zuvor willkommen geheißene Offenheit. Genau das Gegenteil von dem, was ich zunächst erhofft hatte, tritt ein. In gewisser Weise ließ ich mich verführen.