Immer wieder erlebe ich dasselbe um diese Jahreszeit - und immer wieder geschieht es scheinbar "plötzlich" oder "überraschend". Das rührt wohl daher, dass ich in jedem Jahr von neuem hoffe und glaube, dass der Kelch dieses Mal an mir vorübergehen möge, was aber eben nicht passiert, weil es sich dabei - und das ist das eigentliche Thema dieses Eintrages - um einen rein physisch begründeten und damit ganz natürlichen Vorgang handelt, den man durch "Hoffnung"
und "Glauben"
eben nicht wegerfinden kann und auch nicht sollte.
Die Sache an sich ist schnell erzählt: Pünktlich zum Herbst überkommt mich des Häufigen eine Stimmung, die man als "verzweifelt", "verängstigt", "panisch" gar bezeichnen könnte. Alles wird mir dann zuviel, ich fühle mich den Dingen nicht gewachsen, beginne düstere Gedanken zu entwickeln und mich körperlich unwohl zu fühlen. Die Gedanken fokussieren dann zumeist auf ein bestimmtes Thema - etwa auf irgendwelche aktuellen zwischenmenschliche Begebenheiten oder auf ausufernde Arbeitsbelastung
- und verbeißen sich dann in diesem Thema, indem sie vortäuschen, in diesen Dingen liege die Ursache für mein Unwohlsein.
Nachdem ich mich gestern in solch einer Stimmung ganz lange auf die Couch legte und gar nichts tat, außer den Fischen im Aquarium zuzuschauen, fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: Meine Stimmung hat gar nichts, aber auch wirklich gar nichts mit dem scheinbar "aktuellen" (Verstandes-)Thema zu tun. Das sehe ich schon daran, dass exakt dasselbe Thema in anderer Situation eine völlig andere Gefühlslage oder Reaktion in mir auszulösen vermag. Tatsächlich ist die Ursache viel banaler: es ist einfach
die Jahreszeit und
meine darauf eingestimmte
körperliche Befindlichkeit. Mein Körper weiß, dass nun bald der Winter kommt, und reduziert seinen Energieumsatz. Ich werde einfach energieloser, schwächer, müder. Kein Wunder, dass mir dann plötzlich alles zuviel wird - obwohl ich noch vor wenigen Wochen nur so von "Hoppla-wo-ist-das-Klavier?"- Energie gesprüht habe. Auf einmal bin ich für jede ruhig verbrachte Minute dankbar.
So verstanden, hat diese energiearme Stimmung dann auch gar nichts bedrohliches mehr an sich. Mehr noch: Solche Zeiten sind sogar zutiefst wertvoll, weil sich in ihnen die Spreu vom Weizen trennt, das Wichtige vom Unwichtigen, das wahre Bedürfnis vom Firlefanz. Und worin liegt der Wert derartiger Betrachtungen? Einmal erkannt, dass die vom Verstand vorgebrachten "Ursachen" meiner Energielosigkeit nur zweitrangig sind, verliert das alles auch schlagartig seine Bedrohlichkeit. Es ist dann einfacher,
zu akzeptieren,
was los ist, und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich schlief dann auch in der vergangenen Nacht sage und schreibe 11 Stunden, und wachte heute in einer sehr ruhigen, gelassenen aber auch äußerst energiearmen Stimmung auf, die ich nun aber als überaus gesund empfinde.
Gestern Abend bei A. konnte ich sehr schön beobachten, was in mir passiert, wenn ich in übliche Gespräche hineingezogen werde, und sich dann ein schlechter, d.h.: energiearmer Zustand einstellt.
Die Runde war eigentlich sehr interessant und gemischt. H., der Lokalpolitiker, Ac., der Taxifahrer, Al., der Dirigent und andere. Bald aber schon entwickelte sich das Gespräch dahingehend, dass der Eine dem anderen irgendwelche Dinge unterstellte (natürlich stets unter dem Mantel der gepflegten Konversation), die allesamt auf Schubladendenken zurückzuführen waren: Der Dirigent unterstellte dem Politiker, keine Ahnung von Politik zu haben (und umgekehrt), der Politiker unterstellte dem Dirigenten, keine Ahnung
von Musik zu
haben (und umgekehrt), beide unterstellten dem Taxifahrer, nicht vernünftig reden zu können und von gar nichts eine Ahnung zu haben, und der wiederum warf mit Zynismen um sich.
Was geschah da? Wie gesagt waren es Schubladen, die hier bedient wurden - Schubladen, in die jeder selbst sich steckte (falsches Selbstbild), und Schubladen, in die man den Gesprächspartner steckte (Projektion). Im Zuge dieses Gespräches wurde der Tonfall dann auch immer gereizter, bis hin zu einem Punkt, an dem nur noch völlig aneinander vorbeigeredet wurde. Ich selbst begann mich mehr und mehr "klein" zu fühlen. Alleine die Erkenntnis, dass es hier nur um Schubladen ging, machte es mir offensichtlich
schwer, mich zurechtzufinden, wodurch ich mir immer deplatzierter vorkam. Zwar hatte das Ganze eine unterhaltsame
Komponente, aber das war nicht das, was ich mir eigentlich gewünscht hätte, nämlich einen konstruktiven Austausch.
Irgendwann äußerte ich meinen Eindruck dann auch, nämlich dass es hier nur um Schubladen ging, woraufhin ich angestarrt wurde, als käme ich vom Mars. Immerhin entwickelte sich das Gespräch von da ab wieder in gelasseneren Bahnen, und ich selbst fühlte mich wieder "dabei".
Worauf ich hinaus will: Es scheint da eine instinktive Abneigung in mir gegen Schubladen zu geben, die dann die Ursache für mein Unwohlsein ist. Dieses Unwohlsein ist mithin eine gesunde Reaktion auf gewisse Einflüsse und eben nicht, wie bisher vermutet, auf ein eigenes "Ding" (etwa Schwäche, übertriebene Zurücknahme, Abkapselungstendenzen) zurückzuführen.
Wieder fand ich mich in diesen Tagen in einer permanenten Unruhe befangen, die daher rührt, dass ich den Eindruck habe, viel zu viele Dinge tun zu wollen. Da sind Treffen mit Freunden und Bekannten, die ich nicht unter einen Hut bekomme. Da sind Bücher, die ich lesen möchte, da sind Arbeitsprojekte, die bewältigt werden möchten usw..
Mir fiel dann irgendwann auf, dass viele dieser Dinge zum Einen nur in meiner Phantasie "wichtig" sind, und dass zum Anderen die Last, die sie auf mich ausüben, vor Allem dadurch zustande kommt, dass ich es unterlasse, "nein" zu sagen, und sie stattdessen lieber vor mir herschiebe. Was letztendlich Not tut, ist eine diesbezügliche Entrümpelung vorzunehmen. Diese Art der Entrümpelung ist dann aber völlig anders gestrickt als "übliche" Entrümpelungen, bei denen es meistens ja eher
um materielle Dinge geht, deren ich mich entledigen kann, wenn ich sie nicht mehr benötige. Hier ist es eher so, dass diese Entrümpelung in meinem Kopf stattfinden muss, nämlich als Einsicht, mich nicht für alles zuständig zu fühlen - seien es Arbeitsprojekte oder Menschen.
Und je mehr ich mir das (hier beim Schreiben) anschaue, desto mehr tritt das zutage, was man "Gier" nennt. Es ist die Gier nach Aktivität, die Gier nach Erlebnissen, die Gier, die Dinge nicht aus der Hand geben zu können, sondern sie ständig unter Kontrolle halten zu wollen. Es ist Lebensgier. Und je mehr ich sie gewähren lasse, desto mehr plustert sich mein Leben auf. Es ist wie ein Hefeteig, der immer größer und größer wird. Und wie ein Hefeteig wird mein Leben dadurch auch immer schwammiger und ist
wie von
Gasen durchsetzt. Fokussierung auf einen Bereich bzw. ein Thema findet dann kaum noch statt, sobdern alles zerfasert immer weiter und wird immer beliebiger und belangloser. Unruhe ist die Folge. Und sie ist so etwas wie ein Alarmsignal dafür, dass da etwas aus dem Ruder läuft.
Das Zusammensein mit D. hält mir diesbezüglich den Spiegel vor: Menschen, deren Leben noch reicher, noch voller, noch aufregender, noch "gepulster" als mein eigenes ist, rufen in mir dann zunächst so etwas wie Neid hervor, sowie den Drang, dem nachzueifern. Dass sich das dann nicht mäßigend auf meine eigene Unruhe auswirkt, liegt auf der Hand.
Aus einem Brief, den ich gestern schrieb:
Was das große Thema "Freiheit" angeht, so hast Du es offensichtlich gründlich missverstanden. Tatsächlich ist der Mensch niemals frei. Er ist abhängig von tausend äußeren Umständen: vom Geld, von der Gesundheit, von der Politik, sogar vom Wetter. Und selbst wenn all diese äußeren Dinge "geregelt" oder "in Ordnung" sind, so ist er immer noch abhängig von seinen eigenen Launen, seinen Hormonen, seinen Psychosen, von all den Programmen, die ihm in seiner Kindheit
eingebrannt wurden,
von seinen persönlichen Eigenarten usw.. 99% aller Handlungen der Menschen sind Reaktionen auf irgendwelche Zwänge. Der Mensch ist somit nichts als eine unfreie Maschine.
Das bisschen Freiheit, das der Mensch aber dennoch besitzt, ist die Freiheit, sein Glück zu verfolgen. Und das ist weder amoralisch noch egoistisch noch irgendwie pathologisch, sondern in der Tat die nobelste Eigenschaft des Menschen. Ein Mensch, der das tut, wird immer auf sein Gewissen hören und nicht auf die spitzfingrige Moral der Gesellschaft, die in der Regel genau das zu verhindern versucht - ganz einfach, weil sie gar kein Interesse daran hat, dass der Einzelne glücklich wird. Warum sollte sie auch?
An dieser Stelle kommt dann immer der Einwand, wer nur an sein persönliches Glück denke, würde andere Menschen früher oder später damit schädigen. Das Gegenteil ist aber der Fall: jeder Mensch besitzt ein Gewissen. Und wer ernsthaft sein Glück verfolgt, wird immer auf sein Gewissen als höchste Instanz stoßen, und wird dann merken, dass er niemals glücklich sein wird, solange er andere Menschen mit seinem Tun schädigt - und wird entsprechend handeln. Erst ab dann kann man überhaupt von "Liebe" reden.
Ich gebe allerdings zu: Manche Menschen hören mehr auf ihr Gewissen als andere. Ich persönlich versuche mein bestes, gestehe aber zu, dass ich auch Fehler machen kann. Deshalb würde ich dennoch niemals aufhören, mein Glück zu verfolgen. Da könnte ich mich ja gleich begraben lassen.
Irgendwann beim Schreiben fiel mir dann auf, dass es eigentlich völlig egal ist, an wen dieser Brief gerichtet ist. Eigentlich schrieb ich ihn nur an mich selbst - einfach weil es einem eigenen Bedürfnis entspricht, mir diese Dinge immer wieder vor Augen zu halten.
Wieder ist der Fall eingetreten, mit einem völligen Verstandesmenschen konfrontiert zu sein, und dabei zu entdecken, dass der Verstand dem Herzen scheinbar immer überlegen ist, wenn es darum geht, eine "Auseinandersetzung" zu führen, oder gar einen "Kampf" auszutragen.
Worum es geht, ist an dieser Stelle eigentlich egal: Mn., eine entfernte Bekannte, fühlte sich durch irgendwelche Äußerungen von mir anscheinend völlig auf den Schlips getreten (es ging mal wieder um Politik), ohne dass sie sachlich darauf eingegangen wäre, bzw. darauf hätte eingehen können. Das wiederum stellte ihr (sehr offensichtliches) Selbstbild als überaus informierte, engagierte, belesene und intellektuelle Frau anscheinend derart in Frage, dass sie mit völliger Giftigkeit reagieren zu müssen glaubte,
bis hin zur Streuung irgendwelcher
absurder moralinsaurer Gerüchte über meine Lebensführung. Es ist eigentlich völlig lachhaft, wie im billigsten Groschenroman - und was diese Gerüchte angeht, da bin ich mit mir völlig im Reinen.
Aber in Wirklichkeit trifft es mich eben doch und macht mich traurig: Tatsächlich bringen mir derartige Auseinandersetzungen gar nichts, außer dass sie mich ärmer machen. Es war niemals mein Anliegen gewesen, diese Frau zu verletzen oder sonst so etwas. Andererseits war es mir auch unmöglich gewesen, in dieser Situation zu lügen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen, anstatt die Wahrheit (bzw. das, was ich persönlich dafür halte) zu äußern. Womit ich aber nicht gerechnet hatte, war das verstandeslastige Selbstbild
dieser Frau und die Verbiesterung dahinter: An irgendeiner Stelle
in Frage gestellt, schwingt sich solch ein Selbstbild dann auf, um sein Überleben zu kämpfen, und versucht, (in diesem Falle) mich in diesen Kampf zu verwickeln. Das macht mich dann insofern ärmer, als dass ich dadurch auf eben genau dieses niedrige, in meinen Augen unmenschliche Niveau herabgezogen werde, das sich hier als Chef aufschwingt: der beleidigte Verstand.
Nun gut, ich muss mich wohl damit abfinden, immer wieder in derartige Situationen zu rutschen, wenn ich es mit einem bestimmten Menschentypus zu tun habe. Es war ein Fehler gewesen, mich überhaupt mit dieser Frau auch nur entfernt einzulassen. Wenn ich eingangs schrieb, dass der Verstand dem Herzen überlegen sei, dann ist das natürlich nur auf derartige unnötige und destruktive Auseinandersetzungen bezogen, bei denen es NUR Verlierer gibt. Hier ist das Herz dann tatsächlich wehrlos, und vermag sich nur, zurückzuziehen.
In Wirklichkeit aber leidet der Verstand unter sich selbst, unter seinem eigenen Terrordiktat, und
sehnt sich nach dem Herzen oder hat gar Angst vor ihm (so wie auch die Reaktion dieser Frau zeigt, die eben alles andere als "logisch" ist, sondern zutiefst verwirrt und von Emotionen geprägt - nur dass sie sich das nicht eingesteht). Tatsächlich versucht der Verstand immer wieder, das Herz zu unterjochen, denn er hat Angst vor ihm.
Das Herz dagegen will einfach nur frei sein.
Innere Unruhe war heute das dominierende Gefühl. Ich fühlte mich zerfasert und war unfähig, mich auf irgendwelche Dinge zu konzentrieren, zumal solche, die diszipliniertes Arbeiten erfordern. Stattdessen trieb es mich immer wieder an die frische Luft unter dem Vorwand, irgendetwas "wichtiges" erledigen zu sollen. Das an sich ist ja auch nicht wirklich "auffällig", handelte es sich heute doch um einen ausgesprochen schönen Herbsttag. Aber im selben
Zuge fühlte ich mich gestresst und unzufrieden, weil mir klar war, dass da ein ganzer Haufen anderer Dinge ansteht, denen ich mich eher widmen sollte. Kurzum: den ganzen Tag über begleitete mich eine Art schlechtes Gewissen.
Das alles sind aber nur Symptome. Was dagegen tiefer liegt, ist, dass ich mich derzeit wie ein Süchtiger von einer Beschäftigung in die nächste stürze. Denn diese innere Unruhe, die mich heute begleitete, rührt daher, dass ich mich in diesen Tagen (eigentlich seit der Reise im Sommer) auf einer Vielzahl von Baustellen bewege, von denen ich keine zufriedenstellend bewältige. Stattdessen husche ich hektisch hierhin und dorthin, und beschleunige dabei mein Hamsterrad noch, anstatt es anzuhalten.
Dies genau ist die Ursache meiner heutigen Unruhe: der Widerspruch, all den selbst aufgehalsten Aufgaben nicht gerecht werden zu können und gleichzeitig nicht die Konsequenz aufzubringen, sie einfach loszulassen.
Mir fällt auf, dass dieses frische Herbstwetter gerade überaus stärkend und belebend auf mich wirkt.
Diese vergangenen warmen Spätsommertage waren nicht nur "warm" und "golden" dahergekommen, sondern vor Allem auch von absoluter Windstille geprägt gewesen. Es war fast schon beängstigend gewesen, wie wenig sich da ein Hauch geregt hatte, und hatte sich angefühlt, als hätte die Natur den Atem angehalten. Und ein paar Male war mir in dieser Zeit dann auch die Redewendung von der "Ruhe vor dem Sturm" spontan eingefallen.
Diese Stimmung hatte mich auch an einen Stein erinnert, der in
die Luft
geworfen für einen Augenblick schwerelos in der Luft verharrt, bevor er zur Erde zurückfällt. Ein Moment der Unentschlossenheit. Ein Moment der Stille. Und diese unentschlossene Stille hatte ich als bedrohlich und niederdrückend empfunden. Vielleicht war deshalb ja auch das Thema "unterdrückte Lebensenergie" immer wieder aufgekommen. Das Wetter selbst hatte eine derartige Wirkung auf mich gehabt.
Nun, mit dem vor zwei, drei Tagen aufgekommenen Herbstwetter scheint sich die Natur aber gründlich entschlossen zu haben: Es wird kälter. Nicht, dass das überraschend käme, aber es löst in mir wiederum ein ganz bestimmtes Gefühl aus: Erleichterung. Erleichterung darüber, dass nun wieder etwas passiert, dass es eine Entwicklung, eine Richtung gibt. Ja, es wird kälter und dunkler und schlimmer! Aber es passiert wenigstens etwas.
Die Bank hatte mir geschrieben, um in Zukunft Internet-Banking betreiben zu können, müsse ich dieses Gerät für 10 € kaufen. Die Sicherheit werde dadurch erhöht, und das Ganze diene einer Verbesserung des Service. Nun kenne ich zufälligerweise jemanden, die in einer Firma arbeitet, in der derartige Geräte gehandelt werden, und es ist wohl so, dass es sich hierbei um Pfennigartikel handelt. Als ich dies hörte, war die Sache für mich klar: Für dieses Gerät zahle ich nicht. Entweder ich bekomme
es umsonst, oder ich lösche mein Konto. Abzocke findet eben nicht nur im großen Stile statt, und da wo ich sie verhindern kann, tue ich es. Mit diesem Anliegen trat ich dann also heute vor den Bankschalter, trug es in freundlichem Ton vor und stieß dabei sogar auf Verständnis der Mitarbeiterin, die aber meinte, das leider nicht selbst veranlassen zu können. Der für mich zuständige Mitarbeiter werde sich aber demnächst bei mir melden.
So weit, so gut, so belanglos.
Interessant an diesem Vorfall ist jedoch das, was ich bei mir selbst beobachten konnte. Zunächst einmal empfand ich Empörung über diese Abzockerei, was dann ja auch zu dem Entschluss führte, zur Bank zu gehen. Auf dem Weg dorthin merkte ich jedoch, wie mir irgendwie unangenehm zumute wurde. Und als ich in der Schlange und dann am Schalter stand, kam ich mir fast schon unverschämt vor: Welche Extrawurst nehme ich mir da heraus, einfach nicht bezahlen zu wollen? Was ist mit denen, die es doch tun? Müssen die mich
nicht für einen arroganten Schnösel halten? Und hat diese
freundliche Mitarbeiterin nicht schon genug Stress am Hals, als dass sie sich noch mit meinem Querulantentum beschäftigen müsse?
Kurzum: Wieder war da jener Teil von mir aktiv, der nicht unangenehm auffallen möchte, der um keinen Preis Ärger möchte, der immer "gute Vibrationen" verbreiten möchte. Als ich das dann erkannte, ekelte es mich regelrecht an - und führte im selben Moment dazu, dass ich mein Anliegen dann schlussendlich völlig ruhig und bestimmt vortrug. Und als ich das dann getan hatte, fühlte ich mich auf einmal zutiefst gestärkt und frei. Spannend ist hier auch der Mechanismus des "mich-richtens", der hier
zutage tritt: Indem ich
auf das Wohlwollen oder die Handlungen anderer Menschen schaue, werde ich in meinem eigenen Handeln unsicher, verrate meinen eigenen Antrieb.
Auch hier geht es wieder um die übliche selbstgebraute Untergrabung der Lebenskraft.
Den ganzen Tag über fand ich mich in einer überaus gereizten, nervösen aber auch traurigen Stimmung. Letztlich hat sie wohl mit meiner Enttäuschung über meine eigenen Erwartungen sowohl an große als auch an kleine Dinge zu tun. Immer wieder tauchte das Gefühl völliger Belanglosigkeit auf, das Gefühl mithin, mein Leben mit sinnlosem Zeug zu verplempern - und eben auch, wie in den letzten Tagen immer wieder beschrieben, mit der Tatsache, dass ich mich in fraglichen Situationen zurückstelle
bzw. zurückstellen lasse, wobei sogenannte "Rücksicht" dabei ein Grundthema ist.
Anhand einer konkreten Situation fiel mir dann heute auf, dass es mir überaus leicht fällt, mit anderen Menschen "gut auszukommen", bzw. die Tatsache, dass ich allseits sehr "beliebt" bin. Mir fiel dabei eben aber auch auf, dass diese Beliebtheit gar nicht unbedingt eine Tugend ist, sondern teuer erkauft, eben dadurch, dass ich mich auf andere Menschen "einschwinge" - und meine eigenen Interessen dabei übergehe. Das hat fast schon etwas von Prostitution an sich. Gefälligkeit als
Ware.
Ich will das jetzt hier gar nicht alles verurteilen, denn natürlich ist es auch eine Gabe, gewisse Dinge (bei anderen Menschen) zu fühlen, die sie an sich selbst gar nicht wahrnehmen. Aber es geht dann eben auch um den Umgang damit: Ich setze sie ein, um möglichst leicht durchs Leben zu kommen. Und das kann es ja wohl nicht sein.
Wie so oft bekam ich diese Einsicht während des Schwimmens. Es scheint so zu sein, dass die intensive Atmung gepaart mit jeglicher Abwesenheit von äußeren Reizen (abgesehen vom Gurgeln des Wassers am Ohr) so etwas wie ein Katalysator für Klarheit ist. Dass derartige Erkenntnisse aber eben nicht zwangsläufig dazu führen, dass ich mich "besser" fühle, konnte ich dann an der nachfolgenden Melancholie/Gereiztheit erleben.