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Film: Der Fall Chodorkowski

Der hervorragende Dokumentarfilm Der Fall Chodorkowski hat etwas in mir ausgelöst, das es Wert ist, untersucht zu werden.

Dabei geht es mir aber gar nicht um die (für mich durchaus neuen) Einsichten in das politische Geschehen in Russland und der Welt, und auch nicht um das, was man "Spannung" nennt, also um das durchaus auch bei Dokumentarfilmen vorhandene Unterhaltungsmoment. Es geht auch nicht um Betrachtungen daüber, wie "ethisch" oder "gerecht" diese oder jene Handlung Chodorkowskis und seines Widersachers Putin sei. All das ist interessant - es ist aber nicht des Pudels Kern.

Nein, was mich hier wirklich beeindruckt, ist der Mensch Chodorkowski an sich, seine Art, wie er mit seinem Leben umgeht. Da ist zum Einen sein Aufstieg als sogenannter "Oligarch", welchen er zum Einen glücklichen Umständen verdankt, und zum Anderen seiner Fähigkeit, diese Umstände zu nutzen. Da geht es aber schon los: Was andere Menschen als pure Chance, unglaublich reich zu werden, aufgefasst hätten und auch haben, ist ihm nur Mittel zu dem Zweck, Freiheit und Wahrheit in eine von Willkür und Korruption zerfressene Gesellschaft zu tragen - und dies deshalb, weil ihm jene Dinge eigener Herzenswunsch sind. Nötig hätte er dies - zumindest nach alltäglicher Sichtweise - nicht gehabt!

Ihn treibt eben nicht in erster Linie die Gier nach persönlichem Reichtum, sondern eher der Willen, zu gestalten, und nicht als reicher aber korrumpierter und verduckter Zwerg sein Dasein zu fristen - was ihm dann letztendlich zum Verhängnis wurde: Er war (bzw. ist) zu aufrichtig, zu sehr der Wahrheit verpflichtet, als dass ihm die ihm zugedachte Rolle des in Geld schwimmenden Ölmagnaten ausgereicht hätte. Solch einer muss  ja früher oder später im Gefängnis landen!

Ich musste während des Filmes und danach ein paar Male an ein Sprichwort von Konfuzius denken:

Herrscht in einem Land Ordnung, so ist es eine Schande, sich in seine arme und niedrige Lage zu fügen – regiert in einem Land aber die Willkür, so ist es eine Schande, Reichtum und einen hohen Posten zu haben!

Das alles betrifft aber immer noch die politische Ebene (und das nicht nur in Russland, sondern mindestens genauso hierzulande), aber tatsächlich geht es noch viel weiter.

Natürlich ist es ein Film, und Filme kann man durch verschiedene Techniken so gestalten, dass sie auf eine bestimmte Aussage hinauslaufen. Dennoch: Ich maße mir an, auch in einem Film einem Menschen ansehen zu können, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Man fühlt einfach, ob man es mit Aufrichtigkeit oder Verschlagenheit zu tun hat, mit Ehrlichkeit oder Lüge, mit Exzellenz oder Niedertracht.

Und vergleicht man mit diesem "Fühler" die beiden Kontrahenten Chodorkowski und Putin, dann wird schnell klar, auf wen welches zutrifft. Es scheint sogar so zu sein, dass dieser sonst so eiskalt und kontrolliert wirkende Putin, selbst merkt, dass da einer ist, dem er unter dem Gesichtspunkt Qualität nicht das Wasser reichen kann. Daher dann auch seine geradezu kindisch wirkende Emotionalität in dieser Sache, bzw. seine schuljungenhaft verhaspelt wirkenden Äußerungen in dem Film. Da merkt einer offensichtlich, dass sein glänzendes Selbstbild entlarvt wird. Fast scheint es so, als reduzierte sich die "politische Affäre" hier auf ein jämmerliches Produkt gekränkten Stolzes.

In mir selbst rief dieser Film dann vor Allem die Gewissheit wach, dass sich Qualität nicht einfach verleugnen oder wegsperren lässt. Eher im Gegenteil: Sie wirkt für sich selbst weiter, wird reifer, stärker, tiefer. Im Film ist das der Punkt, als Chodorkowski sich zu seiner Lage im sibirischen Arbeitslager äußert. Diese Äußerungen sind das Zeugnis einer Haltung, der es eben nicht primär um diese Dinge wie Geld, große Politik oder sonstige Äußerlichkeiten geht, sondern nur um die Erforschung des eigenen Lebens mit all seinen grandiosen und katastrophalen Wendungen. Und genau dies ist es dann auch, was der Film in mir angesprochen und gestärkt hat.



Substanzlose Niedergeschlagenheit

Als ich am Abend in die Wohnung zurückkam, schlug eine überaus starke Welle von Niedergeschlagenheit über mir zusammen. Sogar körperlich, im Magen, machten sich Schmerzen bemerkbar. Das alles nahm ich aber zunächst gar nicht so bewusst wahr.

Vielmehr ergriff mich zunächst eine fiebrige Unruhe, die mich reflexartig dazu antrieb, M. anzurufen. Schnell aber begriff ich die Sinnlosigkeit eines derartigen Anrufes und ließ von der Idee wieder ab (schließlich war M. ja noch bei der Arbeit und hätte sicher keine Zeit für mich gehabt - zumal ich ihr ja auch gar nichts substanzielles mitzuteilen hatte). Immerhin wurde mir nun aber klar: Was mich hier antrieb, war einfach nur die Angst davor, alleine mit mir selbst in dieser leeren Wohnung zu sein.

Angst wovor? Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine reine Trägheitsmechanik: Nachdem ich den gesamten Tag in völliger Betriebsamkeit und ständiger Interaktion mit anderen Menschen verbracht hatte, empfand ich die plötzlich eingetretene Stille als bedrohlich. Diese Erkenntnis oder besser: Ahnung änderte dann aber zunächst gar nichts an der Unruhe, die sich an dieser Stelle in jene oben erwähnte Niedergeschlagenheit wandelte. Warum hätte sie auch sollen?

Vielmehr verdichtete sich dieser Schmerz immer weiter bis hin zu einem Punkt, an dem ich einfach nur kapitulierte. Ich legte mich auf das Sofa und starrte an die Decke, versuchte dabei aber meine gesamte Aufmerksamkeit auf diesen Zustand zu fokussieren. So lag ich etwa eine halbe Stunde da, bis ich aufstand, um mir etwas zu essen zuzubereiten. Als ich mich der Kocherei widmete war dieser Zustand völlig von mir gewichen. Er war offenbar völlig substanzlos gewesen, war nur meiner ganz normalen Erschöpfung durch den Arbeitstag geschuldet gewesen.



Täglicher Wechsel

Ein- und derselbe Ablauf wiederholt sich in letzter Zeit immer wieder: Am Morgen fühle ich mich frisch und stark - und überaus präsent. Im Laufe des Vormittags jedoch weicht dieser Zustand einer völligen Unaufmerksamkeit, ja, Verwirrung gar. Mir fällt dabei auf, dass es stets Phasen der Interaktion mit anderen Menschen sind (zumeist Gespräche im Arbeitskontext), die diesen Wechsel bewirken. Zumeist wache ich dann erst am Abend wieder auf, dann allerdings nicht so klar wie am Morgen, sondern begeleitet von Erschöpfung und immer wieder einsetzendem zwanghaften Denken.



Meeks Cutoff: das Thema Ungeduld

Ungeduld ist ein Thema für mich. Das wird immer offensichtlicher.

Klar wurde mir das, als ich im Kino den hervorragenden Film Meeks Cutoff anschaute. Was diesen Film ausmacht, ist die kraftzehrende Unerbittlichkeit mit der das reale Leben abläuft, das Zusammenbrechen jeglichen Hoffens, Enttäuschung als Hauptmotiv des Lebens. Im Film: Der lange, eintönige Zug durch die Halbwüsten im Westen der USA. Das Fehlen jeglichen belebenden Impulses von außen. Die Kargheit. Die Not. Selbst Musik kommt im Film so gut wie gar nicht vor - nur das Klappern des Geschirrs, das Rattern der Räder auf dem steinigen Bden, das Knarzen der Planwagen.

Ohne jetzt hier aber auf die Einzelheiten des Filmes einzugehen (und da sind sehr viele Ebenen, die es würdig wären, untersucht zu werden), gibt es da diesen einen Punkt der Ungeduld, der mir beim Betrachten dieses Filmes klar wurde. Während ich den nicht einmal zweistündigen Film ansah (der mir wie sechs Stunden vorkam) konnte ich beobachten, wie ich ungeduldig auf meinem Platz hin- und herrutschte. Die Zeit wurde zu einer zähen Masse.

Die dargestellte Situation war ja auch zu hoffnungslos. Am liebsten wäre ich aufgestanden und in die Leinwand gesprungen, um in die Szenen einzugreifen und ihnen eine "Wendung" zu geben. Ich war in höchstem Maße ungeduldig, geradezu entsetzt von der Aussicht auf die träge Zeit, sehnte mich nach einer Auflösung, wie die Akteure im Film sich nach Wasser sehnten. Nach dem Film war ich fix und fertig, als hätte ich einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir.

Was war passiert? Ich war offensichtlich auf genau jenen Konflikt gestoßen, der in mir selbst abläuft: Das Ego, das sich weigert anzuerkennen, dass die Kontrolle der Geschehnisse nur in kleinem Maße von ihm selbst abhängt. Die Person, die nicht bereit ist, sich dem Lauf der Dinge hinzugeben, sondern "anpacken" zu müssen glaubt, um zu gestalten. Äußern tut sich das dann im Gefühl, ungeduldig zu sein. Das fühlt sich an wie sterben.



Schwere

Wie eine Schlinge legte sich heute im Laufe des Tages eine Art Angst oder Bedrückung um den Hals. Und ich meine das ganz wörtlich: Dieses Gefühl - ich könnte es auch "Beklemmung" nennen - äußert sich bei mir stets auch körperlich, und zwar eben genau so, als würde mein Hals wie von einer Schnur eingeengt werden.

Gewiss hat das mit dem während der vergangenen Tage immer wieder aufgetauchten Gefühl zu tun, mit allem, was ich tue, ins Leere zu rennen. Es ist immer wieder derselbe Ablauf: Zunächst packt mich eine Art Euphorie (wie hier ja auch schon beschrieben), die mich geradezu Bäume ausreißen lässt. Irgendwann kommt dann aber die Erkenntnis, dass das alles völlig wert- und ziellos ist - mal ganz davon abgesehen, dass ich die in der Euphorie begonnenen Projekte sowieso nicht bewältigen kann. Und genau dann findet regelmäßig die Reduzierung oder Stauchung der Person statt - in Form der oben beschriebenen Beklemmung.

In solchen Momenten bleibt mir dann nur, diesen Schmerz auszuhalten und das Beste daraus zu machen, will heißen: Mich durch ihn nicht von meinem täglichen Ablauf abbringen zu lassen, indem ich eine Ablenkung suche. Heute gelang mir dieser Schritt dann auch ausgesprochen gut, d.h. die vielen Arbeiten, die ich heute erledigen wollte um wenigstens morgen einen freien Tag zu haben, schaffte ich allesamt zu erledigen - trotz der inneren Schwere, die diese Beklemmung in mir auslöst, und die bedingt, dass alles viel langsamer und schleppender ablief als sonst.



Stille

Ich liege auf dem Sofa und schaue aus dem Fenster in den Garten. Es herrscht völlige Stille: Sowohl in mir selbst als auch draußen, wo die Bäume und Büsche völlig regungslos verharren. Jede Bewegung wäre jetzt eine Untat.



Ein grundlegender Irrtum

Heute ist so ein Tag, an dem bereits vom ersten Moment an alles zu stimmen scheint: die frühen, leergefegten Straßen, die Sonne, der vor mir liegende freie Tag usw.. Sofort überspülen mich Wellen der Euphorie: So viele Möglichkeiten, so viel Energie!

Bis hier ist das alles noch weitgehend gesunde, präsente Wahrnehmung - aber im selben Moment kommt der Knick:.

Nun gibt sich der Verstand ein Stelldichein: Ich könnte ja den Tag "nutzen" um dieses oder jenes zu tun. Irgendetwas spannendes, neues, ein Projekt. Dagegen ist auf den ersten Blick ja auch nichts einzuwenden. Dennoch, da lauert eine Falle: Ich kann beobachten und beginne zu verstehen, dass diese Art der Energienutzung in Wirklichkeit etwas völlig anderes ist, als was sie vorgibt zu sein.

Hier geht es eben nicht um produktive Lebensfreude, um ein Mehr an Präsenz. Genau das Gegenteil ist der Fall: Es geht um Flucht vor dem Moment in irgendeine "Beschäftigung", um einen Verbrauch, eine Kanalisierung der Energie. So, als wäre sie nur deshalb da, um sie möglichst schnell wieder loszuwerden. Es schmeckt nach der alten Ungeduld, der ich immer wieder begegne, und die stets darin mündet, dass ich in "guten" Momenten etwas neues beginne, um dann in "schlechten" Momenten zu lamentieren, dass da viel zu viele Baustellen sind, die mir über den Kopf wachsen.

Was Not tut, ist das Ertragen dieser Energie, ohne sie nach außen tragen zu wollen. Das klappte dann heute ganz gut während des Sports: Die einzelnen Übungen - allesamt Routine - führte ich unter möglichster Beachtung dieser Haltung durch. Dabei fiel mir auf, dass ich die Übungen viel langsamer, ernsthafter und gründlicher durchführte als sonst. Was anders - und zwar besser - war, war somit die Qualität der Übungen, nicht ihre Art.

Kurzum: Mein alter Hang, bei einem Mehr an Energie, geradezu zwanghaft "neue" Dinge in Angriff zu nehmen, erweist sich als grundlegender Irrtum. Vielmehr geht es darum, die bereits vorhandenen Dinge zu verfeinern und gründlicher anzugehen.



Über die Vorurteile gesprungen

Diese Energiearmut zog sich als roter Faden durch die gesamten letzten Tage. Viel Schlaf, Zurückgezogenheit, Reduzierung des täglichen "Programms", "Fünfe gerade sein lassen" usw.: all das registrierte ich als Auswirkungen dieser Grundstimmung, die, wie bereits gesagt, vor Allem jahreszeitlich zu verstehen ist.

Umso schwerer fiel es mir gestern zunächst, zu diesem Rock-Konzert zu gehen, für das wir (M. und ich) schon vor Monaten die Karten besorgt hatten, und wo wir uns dann auch mit G. und anderen Freunden treffen wollten. Zu Beginn fand ich mich einfach nur genervt: die vielen Menschen, die meine Bewegungsfreiheit einengten, die schlechte Luft, die Lautstärke, das Gefühl in einer riesigen Masse "gefangen" zu sein usw.. All die Gründe, die dafür gesorgt hatten, dass ich schon seit Jahren nicht mehr zu solch einem Konzert gegangen bin, wurden von meinem Verstand abgespielt wie eine Schallplatte.

Dennoch: So sehr ich mich innerlich auch unwohl fühlte, so wenig konnte ich an meiner Lage ändern. Klar, ich hätte das Ganze verlassen und nach hause gehen können, aber irgendwie fühlte ich, dass ich in diesem Moment mehr meiner Bequemlichkeit als meinem Herzen gefolgt wäre. Denn tatsächlich gefiel mir die Musik, und tatsächlich freute ich mich, mit diesen Leuten hier zu sein.

So kam es, dass ich meine inneren Barrieren an einem gewissen Punkt einfach losließ, und mich mit voller Lust auf das Geschehen einließ. Und siehe da: Auf einmal löste sich in mir eine Energie, die ich anscheinend bereits abgeschrieben hatte. Die Tanzerei (zum ersten Mal seit Jahrzehnten ließ ich mich sogar auf Pogo ein), die vielen Menschen, die wirklich hervorragende Musik: Auf einmal vermochte ich das alles zu genießen. Die naserümpfende Voreingenommenheit der ersten Momente war wie fortgeblasen.

In der vergangenen Nacht schlief ich dann ganz hervorragend, aber nicht so lange, wie während der letzten Tage, und vor Allem handelte es sich um einen qualitativ hochwertigen Schlaf: Intensive Träume und eine morgendliche Frische und empfundene Stärke sind ein Zeichen dafür. Ich bin sicher, dass das gestrige Erlebnis der Katalysator dazu war - und damit meine ich nicht das Konzert als solchens oder irgendeine konkrete Begebenheit dort, sondern einfach nur die Tatsache, über meine Vorurteile gesprungen zu sein. Irgendwie ist das vergleichbar damit, morgens eiskalt nachzuduschen. Es weckt auf.



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