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Ein "guter" Tag

Nachdem ich die vergangenen paar Tage zumeist in Gesellschaft mit Anderen verbrachte, tat es heute ausgesprochen gut, den Tag ganz für mich, ohne jegliche Verpflichtung privater oder beruflicher Natur zuzubringen.

Nachdem ich am Morgen Sport getrieben hatte, ließ ich mich mit dem Fahrrad treiben. Dabei fühlte ich mich ausgesprochen klar und zutiefst glücklich. In diesem Zustand innerer Ruhe geschah es dann, dass mir immer wieder irgendwelche Dinge einfielen, die ich eigentlich sinnvollerweise erledigen könnte - und zwar jetzt, in genau diesem Moment.

Z.B. kam ich an einem Geschäft vorbei, das ich von früher kenne, wo es stets qualitativ hochwertige Kleidung zu räsonablen Preisen gibt. Prompt ging ich in das Geschäft und erstand ein Hemd und eine Hose - beides Dinge, von denen ich schon seit langem gedacht hatte, dass es mal wieder an der Zeit sei, den Bestand etwas aufzufrischen. Auf diese Weise machte ich dann wieder die (anscheinend seit langem vergessene) Erfahrung, dass ich dann am "produktivsten" bin, wenn ich all den Druck, in den ich mich im Alltag begebe, verlasse, und nur ganz eng bei mir selbst bleibe, d.h. bei meinem eigenen Rhythmus und sonst gar nichts.

Dieses Gefühl der Präsenz war dann mein Begleiter praktisch den gesamten Tag hindurch. Es gab aber auch Phasen, in denen diese Präsenz sich in den Hintergrund verzog, und ich im selben Zuge Unwohlsein und das Gefühl der Getriebenheit in mir wahrnahm. Stets waren das solche Situationen, in denen ich mit einem anderen Menschen ins Gespräch kam, und sich meine Aufmerksamkeit prompt nach außen stülpte. Mit Entsetzen stellte ich danach stets fest (währenddessen ist es nicht möglich, da ich mich dann im Zustand völliger Unbewusstheit befinde), dass genau dieses Gefühl im Alltag den Normalzustand darstellt.

Mir fällt an dieser Stelle auf, dass Tage wie heute im Verlauf der letzten Jahre immer seltener geworden sind. Vor Allem aus beruflichen Gründen hatte ich mir mehr und mehr auch die vermeintlich "freie" Zeit mit irgendwelchen Terminen und Erledigungen verbaut. So ausgesprochen "tief" bei mir selbst zu sein, kam fast gar nicht mehr vor. Dabei ging es aber gar nicht nur um sogenannten "Zeitmangel", sondern vor Allem darum, dass keine längeren freien Phasen mehr vorkamen, da alles zerstückelt wurde. Und mehr noch: Selbst wenn objektiv Zeit vorhanden gewesen wäre, vermochte ich es nicht, dieser Zeit die Qualität zu verleihen, die notwendig ist, damit das Gefühl des Bei-Mir-Seins sich einstellen kann.



Bremsung 3

Wie sehr all diese Ängste reine Hirngespinste sind, erlebte ich dann heute, als sich in einem Gespräch gewisse Dinge, die mich umgetrieben hatten, als völlig haltlos entpuppten. Alles hatte sich nur in meinem Kopf abgespielt. Gleichzeitig verifizierte ich anhand verschiedener Glücksmomente oder -Phasen, wie sehr sie im reinen, gegenwärtigen Moment verwurzelt sind, und sonst in gar nichts. Kurzum. Die Funktionsweise dieser beiden Gegenspieler - Verstand und Präsenz - konnte ich heute nebeneinander gut beobachten.

Aber auch das hat mit jener "Bremsung" zu tun, die ich gerade durchmache. Erst wenn das Getriebene aus meinem Leben zurückweicht, kann ich den Raum erkennen, der als Arena für dieses Schauspiel fungiert. Zuvor hatte ich mich als Akteur in der Arena selbst aufgehalten, war im Kreise herumgerannt und hatte Rollen gespielt.

Das alles stellt mich natürlich vor die Frage, inwieweit ich vom Zeitplan meiner Arbeit abhängig bin und als Spielball diene: Wenn ich die nötige Distanz nur in arbeitsarmen Phasen erleben kann, dann läuft wohl etwas schief.



Bremsung 2

Gefühle wie Glück und Unglück, Freude und Angst usw. haben immer eine ganz konkrete Ursache - die allerdings so gut wie niemals das ist, was dafür gehalten wird. Ich sehe diesen Zusammenhang jetzt, wo ich körperlich etwas lädiert bin, und in diesem Zuge festelle, dass in diesem Zustand auch Dinge sich zu unguten Stimmungen aufbauschen, die mich sonst nicht so sehr beschäftigen. Kleine Nebensächlichkeiten werden da schnell zu existenziellen "Problemen", der kleinste Anlass kann Weltschmerz auslösen.

Ohne jetzt im Einzelnen darauf einzugehen, kochen nun wieder Ängste hinsichtlich irgendwelcher Familienmitglieder hoch, kommen Fragen hinsichtlich meiner Zukunft auf, Fragen darüber, ob ich womöglich mein Leben völlig verändern sollte usw.. Man könnte an dieser Stelle dann natürlich sagen, der Zustand körperlicher Schwäche lässt einfach wichtige, aber verdrängten Missstände in meinem Leben stärker hervortreten, und sei somit zumindest als Katalysator der Bewusstwerdung segensreich.

Oft genug bin ich auch auf derartige Einflüsterungen hereingefallen, aber immer mehr beginne ich zu verstehen, dass all diese Dinge nur vom Verstand kommen, der den geringsten Anlass dafür hernimmt, Unglück und Unruhe zu produzieren. Z.B. das Thema "Familie" liefert da den besten Beweis: Das sind alles Dinge, die schon hundert- oder gar tausendmal erörtert und durchlebt wurden (und für die ich mich nicht als zuständig erkannt habe, da sie die Lebensführung anderer Menschen betreffen) - und dennoch treten sie in schwachen Momenten wie dem jetztigen immer wieder auf. Mehr noch: Eigentlich hatte ich geglaubt, meinen Frieden damit gefunden zu haben, aber plötzlich stehen sie wieder vor mir - und wieder stellt es sich so dar, dass ich zwar nichts daran ändern kann, aber dennoch darunter leiden muss.

Nein: All diese plötzlich wieder auftauchenden unguten Gefühle sind einfach nur eine Folge eigener Schwächung, und sind praktisch ausschließlich auf körperlicher Ebene angesiedelt. Es ist immer wieder derselbe Mummenschanz, auf den ich da hereinfalle, nämlich den, dass es da angeblich ganz große "Themen" gibt, die hier eine Rolle spielen - und dass es meine heiligste Aufgabe sei, mich zur "Lösung" dieser Dinge in diesen Sumpf hinabziehen zu lassen. Das aber heißt dann in Wirklichkeit, in die Irre zu laufen.

Alleine diesen Zusamenhang zu durchschauen, kann da helfen.

Es ist wie bei "griesgrämigen Alten", deren Griesgrämigkeit sich scheinbar an irgendwelchen "Dingen" festmacht, in Wirklichkeit aber nur eine ganz normale Folge körperlicher Schwäche ist.



Bremsung

Nachdem die vergangenen Wochen von der Arbeitsbelastung her ausgesprochen anstrengend gewesen sind, ist es nun ruhiger geworden. Ich merke, dass da eine grundlegende Umstellung in mir stattfindet.

Wie auf Kommando setzt prompt eine Erkältung ein. So wirklich erstaunt mich das nicht, habe ich ähnliches auch schon früher erlebt. Es ist, als wolle mein Körper mir sagen, nun sei es an der Zeit, die Geschwindigkeit zu drosseln. Im Vorfeld der Erkältung hatte ich so etwas wie Verwirrung gespürt. Wohin mit der Energie? Ich hatte mich gefühlt wie eine Lokomotive, die plötzlich ohne Gleise weiterfährt. Kein Wunder, dass sie meckert.

Was zeigt mir das?

Anscheinend ist es mir möglich, meine Lebensenergie auf ein Ziel zu fokussieren und dabei hervorragend zu funktionieren. Was mir in diesen Momenten/Phasen aber nicht möglich ist, ist zu erkennen, dass dies eine Art Frenmdlenkung darstellt, der ich mich allzu gerne ausliefere - einfach weil es scheinbar gefordert ist, und ich mich dem dann bewusstlos hingebe. Dann aber wieder ohne ein von außen oktroyiertes Programm ganz auf mich selbst zurückgeworfen zu sein, lässt Ratlosigkeit und Leere in mir entstehen. Die Energie richtet sich dann augenblicklich gegen mich selbst.

Heute kamen dann etliche Phasen in mir auf, wo ich die Botschaft zu begreifen schien: Ich muss das Nicht-Tun erst wieder lernen.



Mein Weltbild

Auch heute stelle ich fest, dass dieser Film etwas in mir angerührt hat. Und wenn ich gestern schrieb, da werde beschrieben, was Weltbilder aus Menschen machen, dann schließt sich ganz direkt die Frage an, was das ganz konkret mit mir zu tun hat - oder noch direkter: Welches Weltbild treibt mich eigentlich an?

Die Frage ist mehr als überfällig, denn im Laufe des heutigen Tages kam langsam aber sicher eine leise Ahnung auf, dass scheinbar ganz verschiedene Dinge, die mir Laufe des bisherigen Lebens geschahen und immer noch geschehen, vielleicht hier ihren gemeinsamen Nenner finden.

Da ist etwa das "politische Engagement", wo ich mich immer wieder in der Position wiederfinde, gegen vermeintliche "Ungerechtigkeiten" anstürmen zu wollen. Und mit Ungerechtigkeit meine ich dann stets ganz konkret den Einsatz von Macht zum eigenen Vorteil (derer, die Macht besitzen) und zum Nachteil anderer, jener natürlich, die weniger Macht besitzen (ich nenne das dann "Machtmissbrauch" - ein Wort, das sogleich eine Bewertung beinhaltet). Stets tue ich dann so, als ob es der Natur widerspräche, dass Menschen sich so verhalten, tue so, als ob es auch in einem höheren Sinne falsch wäre.

Der Punkt ist dann genau wieder jener, dass ich eine Ungerechtigkeit, die mir (im gesellschaftlichen Kontext) selbst widerfährt, anklage und damit aufbausche, anstatt mich im Rahmen meiner Möglichkeiten und sachlich dagegen zu wehren. Ich begehe da eine ganz schlimme Verwechslung: Ich unterstelle der Welt von vornherein, wie sie zu sein hat (das ist das Weltbild), anstatt konkret etwas dafür zu tun, dass sie einmal so wird, wie es (für mich!) wünschenswert wäre. Ich lasse mich durch Empörung ausbremsen, anstatt das schlechte Wetter als schlechtes Wetter hinzunehmen - und mich dann angemessen dagegen zu wappnen. Schlimmer noch: Ich setze voraus, dass es da einen wie immer gearteten höheren Moralkodex gibt, der vorgibt, wie die Welt zu sein hat, und der zufälligerweise nur mir allein und höchstens noch ein paar Mitstreitern bekannt ist - was mich dann angenehm erhöht fühlen lässt. Was ich dabei übersehe: Dieser "höhere Moralkodex" sind einfach nur meine eigenen, gesammelten und durchaus auch legitimen Egoismen, nicht mehr und nicht weniger - und als solche sollte ich sie dann aber auch anerkennen.

Dieselbe Haltung zieht sich dann durch mein Privatleben: Wer meine Einstellung darüber teilt, was "gut" und "schlecht" ist, den empfinde ich als "Freund" - wer dies allerdings nicht tut, wird aus meinem selbst erschaffenen "Zirkel der Sympathie" ausgestoßen. Nicht, dass das ungewöhnlich wäre: Jeder Schimpanse sucht Kontakt zu anderen Schimpansen, die ähnliche Bedürfnisse/Ängste/Ziele haben wie er selbst. Der Punkt ist nur, dass derartige Kontakte auf realen Gemeinsamkeiten beruhen können, oder auf theoretischen Konstrukten ideologischer, moralischer, philosophischer Art. Die erste Variante ist legitim, die zweite verlogen. Auf der Strecke bleibt dabei nämlich die Ehrlichkeit zum Hier und Jetzt.

Wenn ich dieses Muster weiterverfolge, dann fällt mir auf, dass diese Art der Einteilung der Welt in "gut" und "schlecht" etwas ist, das ich schon von Kindesbeinen an verabreicht bekam. Altruismus, Menschenliebe, die Bereitschaft, sich selbstlos für das Allgemeinwohl einzusetzen usw. war immer etwas, was in der Familie, in der ich aufwuchs, großgeschrieben und als "Wert" propagiert wurde. Nicht dass sachlich gesehen diese Dinge verwerflich wären, aber sie sind nur dann wertvoll bzw. ein natürlicher Ausdruck des Lebens, wenn sie als das genommen werden, was sie sind: eine Ausprägung der eigenen, ganz persönlichen Wünsche und nicht irgendeiner "höheren Wahrheit", der sich gefälligst jeder unterzuordnen habe.

Das alles beinhaltet dann eine ganze Portion Falschheit - nicht anderen Menschen gegenüber (die amüsieren sich da nur, nutzen es schlimmstenfalls aus), sondern mir selbst gegenüber, weil ich dadurch Energie verplempere.



Film: Der Gott des Gemetzels

Gerade schaute ich mir den Film "Der Gott des Gemetzels" an, und merke an dem Eindruck, den er hinterlässt, dass dieser Film auch mich betrifft. Ganz kurz zusammengefasst geht es um eine zunächst harmlose Situation, die nach und nach eskaliert, bis sämtliche Fassaden des "guten Anstands" fallen. Am Ende ähnelt das gutbürgerliche Wohnzimmer, in dem sich das alles abspielt, einem Schlachtfeld, und die vier Kontrahenten menschlichen Ruinen.

Aufschlussreich ist da zunächst die mechanisch-unerbittliche Automatik, die da abläuft: Jeder Protagonist ist zu Beginn mit seinem ganz persönlichen Weltbild ausgestattet und betritt damit den "Ring". Im Laufe des eskalierenden Gespräches werden diese Weltbilder wechselseitig - zunächst unterschwellig und dann mehr und mehr offen - in Frage gestellt, was dann hochfahrende Emotionen und Agressionen auslöst. Wie auf Knopfdruck reagieren die vier Charaktere auf irgendwelche verbalen Auslöser und verwandeln sich in Kampfmaschinen - in Marionetten eben jenes im Titel genannten "Gott des Gemetzels".

Bis hier handelt es sich lediglich um eine eher abstrakte Betroffenheit, die der Film in mir auslöst. In Wirklichkeit geht es hier aber um mich: Ich sehe mich dabei ertappt, wie sehr ich selbst mich von einem gewissen Glauben an "das Gute im Menschen" leiten lasse - und wie sehr ich immer und immer wieder enttäuscht werde, wenn ich sehe (oder gar am eigenen Körper erlebe), in welchem Maße "Unanständigkeit" praktiziert und honoriert wird. (Ein ganz direkt erlebtes Beispiel hierfür - an das mich dieser Film dann auch erinnert - ist die Auseinandersetzung im Bekanntenkreis vor einigen Jahren, als ich mich aus genau derselben Enttäuschung aus diesem bestimmten Kreis zurückzog.)

Tatsächlich schwingt in diesem Glauben an das "Gute" (und der dadurch ausgelösten Enttäuschung) eine gehörige Portion Realitätsverkennung mit. Ja, es ist eben nun einmal so, dass die Raubtiermentalität ein Teil des Menschseins ist, und ja: für mich selbst nur Rückzug und Verbitterung als letzte Konsequenz daraus abzuleiten, ist nichts als mangelnde Offenheit. Wenn ich merke, dass mir ein gewisser Umgang nicht guttut und ich mich deshalb zurückziehe und einen Weg beschreite, der mir besser tut, dann ist das eine völlig gesunde Angelegenheit. Wenn ich das aber mit einem Gefühl der Entrüstung und Emotionalität tue, dann ist das genau der Fehler, den diese Protagonisten im Film begehen: Ich werde ein Opfer des eigenen Weltbildes.

Wenn ich hier von einem "Fehler" rede, dann klingt das gleich wieder nach Bewertung oder Selbstverbesserungsbestreben. Das ist aber gar nicht gemeint. Gemeint ist mit "Fehler" einfach nur ein gerüttelt Maß an Energieverschwendung, überflüssig wie ein Kropf, und die ich natürlich an mir selbst begehe. Die Kunst besteht darin, Dinge, die es nicht wert sind, einfach und schmerzlos aus dem Aufmerksamkeitsfokus zu entlassen, anstatt sie aufzubauschen. Im Wege steht mir dabei die Befangenheit in meinem Weltbild, welches mich dazu verleitet, emotional für Dinge einzustehen, die mich selbst nicht wirklich betreffen.

Ich musste im Laufe des Filmes auch ein paar Male an jene Stellen in Ouspenskys Buch denken, in denen Gurdjieff auf die damaligen politischen Vorgänge (den 1. Weltkrieg) eingeht. Auch damals lief es nicht anders ab als in dem heutigen Film: Weltbilds-Marionetten schlagen sich aus Wut über die Andersartigkeit anderer Weltbilder gegenseitig tot. Was sich hier im Film in einem Wohnzimmer abspielt, spielte sich damals auf den Schlachtfeldern ab, und spielt sich auch jetzt in diesem Moment überall in der Gesellschaft ab. Kurzum: Der Film führt vor Augen, wie dünn der Lack der Zivilisation in Wirklichkeit ist, wie schnell er abblättert, und wie gnadenlos die Verbohrtheit des Egos zutage tritt, wenn auf gewisse Knöpfe gedrückt wird.



Präsenz als Überraschung

Mein derzeitiger Alltag ist ein ständiges Wechselbad zwischen bewussten und unbewussten Phasen. Stellenweise kam mir sogar die Bezeichnung "ringen um Bewusstheit" in den Sinn, denn es fühlt sich manchmal so an, als würde ich mich bemühen und durch diese Bemühung dann zu einem Punkt zu kommen, an dem ich mich "bewusst" fühle. Schaue ich mir das dann aber genauer an, dann sieht es eher so aus, dass dieses vermeintliche "Bemühen" in unbewussten Phasen auf eine Art dunkle Ahnung davon zurückzuführen ist, wie es sein könnte, "bewusst" zu sein - eine Art Phantomschmerz also, die Aktionismus auslöst. Mehr aber eben auch nicht.

Die Gewissheit, präsent zu sein, ist dann aber etwas völlig anderes, und jeglicher Gedanke daran, dies durch "Bemühung" beeinflussen zu können, erscheint lächerlich und dumm. Tatsächlich stellt sich Präsenz stets ganz von selbst ein, und zwar in den unvermutetsten Augenblicken und Situationen - und es sind immer Augenblicke und Situationen, die dann als präsenter Moment in Erinnerung bleiben. Es sind Fotos, die meine Maschine wie von selbst knipst.

Natürlich gibt es äußere Umstände, in denen derartige Momente mit größerer Häufigkeit auftreten als unter anderen Vorzeichen, und natürlich kann man sich an dieser Stelle dann einreden, eine Bemühung um derartige Umstände würde dann wieder zu dem vermeintlichen Ziel führen, präsent zu sein. Tatsächlich stelle ich aber fest, dass bereits jeglicher derartige Gedanke den Zustand der Präsenz von vornherein vergiftet und damit unmöglich macht. Das wirkliche Wesen oder der wesentliche Geschmack von Präsenz scheint mir dagegen immer mehr die Überraschung als solche zu sein. Mir kommt es langsam sogar so vor, dass sie genau das ist: Überraschung.



Befreiung

Der heutige Tag fing damit an, dass ich gleich nach dem Aufwachen dreimal niesen musste. Entsprechend fühlte ich mich nach dem Aufstehen: Ich fühlte mich müde und schlapp, so als kündige sich eine Erkältung an. Dennoch ging ich dann zum Sport. Die ganze Woche hatte ich, bedingt durch die vielen gedrängten Termine, kaum Zeit dafür gefunden, so dass ich auf jeden Fall den heutigen freien Tag nutzen wollte - und nicht zuletzt schiebe ich das womögliche Auftreten einer Erkältung auch auf die Tatsache, mich zu wenig körperlich betätigt zu haben. Natürlich schonte ich mich dann beim Sport doch etwas, fuhr also nicht das ganz große Programm, merkte aber, dass die Bewegung mir guttat.

Auf dem Rückweg machte ich einen Zwischenhalt in einem Café, da es recht stark regnete, und setzte mich dort vor ein riesiges Fenster, durch das ich panoramaartig auf die Straße und das Geschehen dort schauen konnte. Zwar hatte ich eine Zeitschrift vor mir liegen, aber nachdem ich ein paar Male darin herumgeblätert hatte, beachtete ich sie gar nicht mehr, und schaute einfach nur noch durch dieses Fenster: der graue, verregnete Himmel, ein paar vorbeihastende Leute, ein paar struppige Büsche, die im Wind wankten, ein paar Autos. All diese Details verdichteten sich plötzlich zu einem tiefen Gefühl der Präsenz: auf einmal öffnete sich ein weites Tor in mir, und ich saß nur noch völlig regungslos auf meinem Stuhl und staunte.

Wichtig an diesem Erlebnis ist vor Allem der Kontrast, der sich mir plötzlich bot - und zwar der Kontrast zu meinem während der letzten Wochen oder Monaten praktizierten Lebensstil des geduckten Wahrnehmens: getrieben von "Notwendigkeiten" und "Terminen", von "ernsthaften Themen" (etwa Politik) und sozialen "Verpflichtungen" hatte ich mir mehr und mehr einen Tunnelblick zugelegt, in dem jeglicher Sinn für die Offenheit, die Präsenz in Wirklichkeit ist, mir fast völlig abhanden gekommen war.

Jetzt auf einmal fiel das alles von mir ab, und ich fühlte mich frei und leicht. Auch das Gefühl, nun krank zu werden, war völlig verschwunden. Erinnere ich mich jetzt in diesem Moment an das morgendliche dreimalige Niesen, dann empfinde ich nun vor Allem das befreiende Gefühl, das da mitschwang.



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