An einer der Schulen, an denen ich unterrichte, finden völlig überraschend und mitten im Schuljahr irgendwelche sehr chaotischen Umstrukturierungen statt. Faktisch geht es darum, Kosten zu sparen und in diesem Rahmen (neben anderen Dingen) auch die Honorare der Lehrer auf ein Niveau zu senken, welches schlichtwg untragbar ist. Es ist dabei nicht so, dass die Schule sich finanziell nicht tragen würde, sondern es geht ganz klar darum, irgendwelche Gewinne abzuschöpfen, um andere Löcher
damit zu füllen. Das übliche
Spiel
unserer Gesellschaft also.
Ohne jetzt hier aber auf die Einzelheiten einzugehen, ist es wichtig zu beobachten, was das alles in mir auslöst:
Zum Einen beobachtete ich gestern Abend - als die Situation sich zuspitzte - eine überaus starke Wut in mir. Zwar hatte diese Wut einen konkreten (berechtigten) Anlass, aber dennoch wuchs sie sich in eine allgemeinere Wut aus, die am Ende gar nichts mehr mit der Sache an sich zu tun hatte. Sie fokussierte dann nicht nur auf die einzelnen Umstände und die Personen, die das alles zu verantworten haben, sondern mindestens im selben Maße auf die Ungerechtigkeit als solche. Als wäre dieser abstrakte Begriff eine Person.
Wut ist bei mir auch immer ein Symptom von Machtlosigkeit, und folgerichtig hatte sie sich, als ich heute morgen erwachte und noch eine Weile im Bett lag, in Depression und Angst umgewandelt. Auch diese Angst war wieder völlig allgemein. Es war pure Existenzangst, genährt noch von dem Gefühl bzw. der Enttäuschung, für meine Arbeit, die ich meines Erachtens gut mache, nicht honoriert oder anerkannt zu werden. Ich fühlte mich schlichtweg wie Abfall, nicht zuletzt auch deshalb, weil diese anstehenden Umstrukturierungen
allesamt stückchenweise
hinten herum durchsickerten - und nicht etwa im Rahmen eines offenen Gespräches vermittelt wurden. Das Ganze hat einen Geschmack von Tücke und Arroganz. Ich fühlte mich verraten und verkauft. Und traurig.
Als ich dann aufgestanden war, schien die Sonne, was an sich bereits ein guter Tagesanfang war. Ich setzte mich dann auch gleich an den Computer und sondierte im Netz nach Alternativen zu dieser Schule, die jetzt wohl demnächst als Auftraggeber wegbrechen wird. Zwar fand ich nichts brauchbares, aber ich stellte fest, wie diese Tätigkeit Kraft und Zuversicht wieder in mir wachsen ließ. Mehr noch: Ich beginne nun das Ganze von der sportlichen Seite her zu sehen. Auch am Abend setzte ich diese Suche fort. Mir wird
klar: Eigentlich ist diese Angelegenheit ein guter Anlass, wieder etwas
neues zu beginnen, und meinetwegen auch wieder ganz von vorne anzufangen. Mit diesem Auftraggeber habe ich nun innerlich abgeschlossen.
Wie verhärtet fühle ich mich in diesen Tagen. Die Arbeit hält mich tagsüber in Atem, der Feierabend kommt mir kalt und öde vor. Sport ist die wichtigste Freizeitbetätigung. Heute merkte ich dann, was genau es ist, was da zu kurz kommt: Die Gefühlsebene wirkt wie lahmgelegt. Fast teilnahmslos gehe ich meiner Wege. Es ist ist nicht schlimm, es ist nicht gut. Es ist einfach kalt.
Aufgefallen ist mir das gestern im Gespräch mit M., als mir anhand einer Sache, die er erzählte, die Gefühllosigkeit - nicht meine, sondern die einer anderen Person - krass vor Augen geführt wurde. Wieder einmal muss ich also Impulse aus zweiter oder gar dritter Hand präsentiert bekommen, um mich selbst erkennen zu können.
Heute diese Seiten auf Serifenschrift umgestellt zu haben, erfüllt mich mit Freude. Ganz plötzlich war mir der Impuls dazu gekommen, und jetzt, wo ich das Ergebnis sehe, erkenne ich, dass es genau richtig so ist.
Tatsächlich fördern die Serifen intuitives Lesen, und zwar indem sie das Auge des Lesers führen und es dadurch von einer gewissen Zwanghaftigkeit und suchenden Unsicherheit entlasten. Dadurch wirken sie befreiend für den Teil der Wahrnehmung, der nicht auf dem Verstand beruht - Öffnung, Gefühl, Intuition. Freie Intuition ist ja aber genau auch das, was bei Texten wie diesen hier gefragt ist.
Serifenfreie Schriften mögen da eher gut für plakative, zwingende Texte geeignet sein. Interessant ist aber, dass ich in den vergangenen Jahren auch für diese Seiten hier immer genau solche Schriften bevorzugt habe. Ich fand sie damals "klar" und "neutral". Tatsächlich empfinde ich sie jetzt eher als arm und anstrengend.
Woher dieser plötzliche Wandel kommt, ist mir allerdings nicht erklärlich. Diese Änderung vorzunehmen war, wie gesagt, ein Impuls, der urplötzlich über mich kam.
Da ist eine große, geheimnisvolle Wohnung, in der Hr. W wohnt, der sehr alt und krank sein soll und in dieser Wohnung dahinsiecht. Ich gehe in die riesige, mit alten Möbeln vollgestellte, abgedunkelte Wohnung, da ich Hr. W. etwas geben soll (eine Mitteilung oder ein Buch). Das Wohnzimmer ist menschenleer, beherrscht von einem riesigen Schreibtisch. Ich weiß, dass im Nebenzimmer Hr. W. liegt, aber ich darf/möchte ihn nicht stören. Ich fühle
mich beklommen und irgendwie
ratlos - ängstlich gar.
Plötzlich öffnet sich die Wohnungstür, und die Nichte des Hr. W. kommt herein. Sie freut sich, mich zu sehen. Wir sprechen eine Weile miteinander, und bald kommt Hr. W. aus seinem Schlafzimmer. Er ist gar nicht so krank, sondern eher ein verschmitztes altes Männlein. Er hat Freunde in aller Welt und macht mich mit dem Bürgermeister bekannt, der ebenfalls hereingekommen ist. Als ich die Wohnung wieder verlasse, steht Hr. W. auf dem Balkon und winkt mir fröhlich nach.
Das Auffälligste an diesem Traum ist die Diskrepanz zwischen meinen Befürchtungen über Hr. W. und seinem tatsächlichen Zustand. Den Traum begreife ich als eine Aufforderung, zuversichtlicher zu sein, bzw. mit mehr Mut auf irgendwelche Ängste einzugehen (die Botschaft/das Buch). Dann eröffnen sich auch neue Möglichkeiten (die Bekanntschaft mit dem Bürgermeister).
Hr. W. ist übrigens eine reale Figur aus meiner Kindheit (im Alter von etwa neun Jahren): Er war ein steinalter, alleinstehender Mann, den meine Mutter und eine Freundin hin und wieder besuchten, um sich ein wenig um ihn zu kümmern. Er lebte in einem ärmlichen Haus an einer Hauptverkehrsstraße von S.J., welches klein und überaus verwinkelt war, und eher einer Höhle glich. Die große Leidenschaft dieses Mannes war das Sammeln von antiken indianischen Kunstschätzen, und dementsprechend war das ganze Haus bis unter
die Decke mit derartigen Dingen
vollgestellt und -gestapelt. Diese Dinge waren sein Leben, und er konnte mit Begeisterung darüber sprechen.
Ich begleitete meine Mutter zwei oder drei Male in sein Haus, und war jedes Mal überaus beeindruckt, aber auch beklommen. Zum Einen faszinierten mich die ganzen Kunstgegenstände und die geheimnisvollen Geschichten, die dieser Mann dazu erzählte, zum Anderen aber ängstigte mich sein Alter. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass ich einmal inständig hoffte, er möge doch bitte nicht gerade jetzt in diesem Moment tot zusammenbrechen. So alt und gebrechlich kam er mir vor. Ich war froh, als wir wieder
gingen. Irgendwann erzählte meine Mutter, er sei gestorben - und noch Jahre danach, als Jugendlicher, musste ich an ihn denken, wenn mich mein Weg zufälligerweise an seinem Haus vorbeiführte.
Mit seiner Leidenschaft und seinem bedingungslos "spleenigen" Dasein steht Hr. W. somit auch für den Drang, dem eigenen Herzen zu folgen - egal wie widrig die Umstände sein mögen. Auch darin verstehe ich den Traum als Aufforderung.
Wie tief dieser Begriff des "eigenen Rhythmus" geht, sehe ich dann, wenn ich eine kleine Inventur vornehme, denn tatsächlich beginne ich langsam zu begreifen, dass mein gesamtes Leben eigentlich immer von der Bemühung - und mitunter auch dem Unvermögen - geprägt war und ist, diesem Rhythmus zu folgen.
Wie ein roter Faden wirkt da etwa meine Aversion gegen "Gruppen" jedweder Art, in die mich einzufügen immer wieder Unwillen in mir hervorrief.
Das war schon in meiner Kindheit und Jugend so, als ich mich niemals wohl fühlte, wenn es darum ging, mich für Manschaftssportarten zu engagieren. Zwar würde ich mich durchaus als sportlich bezeichnen und treibe bis heute regelmäßig Sport - aber nie zog es mich in Vereine, Ligen und ähnliches. Es war mir schlichtweg zuwider, mich in einem Moment zurücknehmen zu sollen, wenn mir nicht danach war, und in einem anderen Moment gewisse von mir erwartete Dinge zu tun, die ich so nicht tun wollte. Selbst Tennis war
und ist mir da schon zuviel: Mich an irgendwelche
von langer Hand geplante Platztermine halten zu müssen widerstrebt mir, empfinde ich es doch stets so, dass körperliche Betätigung nur dem augenblicklichen Bedürfnis danach entspringen kann. So etwas kann ich nicht planen. Die Konsequenz: Ich schwimme, gehe ins Sportstudio, laufe - wenn mir danach ist.
Ein weiteres Beispiel sind sogenannte "Freundeskreise". Wenn ich mich in ihnen bewegte, dann hatte ich dabei immer wieder das Gefühl, als würde mir eine Schlinge um den Hals gelegt. Nicht, dass ich gerne alleine gewesen wäre, ohne das Echo anderer Menschen (hier spielt der Aufmerksamkeitshunger eine wichtige Rolle) - aber an einem gewissen Punkt gewann immer das Gefühl oberhand, mich abseilen und heraushalten zu müssen. Wenn ich das im Nachhinein überschaue, dann war das stets dann der Fall, wenn diese
Gruppe an einen Punkt kam, an dem gewisse Übereinstimmungen als unausgesprochene Tabus etabliert wurden, die so etwas wie eine Zugehörigkeitsvoraussetzung darstellten. Je nach Gruppe war das dann entweder auf sehr plumpem Niveau angesiedelt (miteinander "Spaß" haben) oder auf vermeintlich höherem Niveau (irgendwelche geistige oder auch materielle oder gar moralische "Ansprüche", die man erfüllen müsse). Die Konsequenz war bei mir dann stets, dass ich mich zurückzog.
Auch wenn ich meinen beruflichen Werdegang betrachte, sehe ich diesen Mechanismus am Werke: Tätigkeiten, bei denen ich mich an einen Arbeitgeber band, und zudem einer kleinen Gruppe von Kollegen zugehörig war, die ich tagaus tagein um mich hatte, riefen immer Unwohlsein in mir hervor. Am schlimmsten war das in großen Firmen oder Organisationen, in denen ich mich zudem in anonyme, von außen aufgesetzte Standards eingezwängt fand, die meinen eigenen Rhythmus völlig zu ersticken drohten. Selbst ein nach herkömmlichen
Maßstäben überaus
attraktives
Jobangebot kurz nach meiner Promotion, welches mich womöglich in die höchsten Höhen eines großen Konzerns geführt hätte (es war durch irgendwelche Beziehungen meines Vaters an mich herangetragen worden), schlug ich gleich nach dem ersten Vorstellungsgespräch inklusive Firmenbesichtigung und Privatgespräch mit dem Geschäftsführer aus: Ein eiskalter Schauer ließ mich ahnen, was da an Gängelung und Gleichschaltung auf mich gewartet hätte. So wie es dagegen jetzt läuft - drei verschiedene
Schulen, an denen ich freiberuflich tätig
bin, ohne in eine derartige Maschinerie eingebaut zu sein - ist es anders: Ich kann weitgehend das tun, was mir Freude bereitet, ohne Dinge tun zu müssen, die mir widerstreben.
Und nicht zuletzt auf amourösem Gebiet ist es so: Immer wieder hatte ich eine Art Widerstreben oder Angst in mir gefühlt, mich mit Haut und Haar ("Hochzeit") auf eine Frau einzulassen. Und immer wieder hatte der Glauben daran, dass es dennoch so zu laufen habe ("Moral"), dann geradezu Panik davor in mir hervorgerufen, mich überhaupt auf eine Frau einzulassen - nicht etwa, weil da keine Anziehung gewesen wäre, sondern die genannte - unterschwellige - Angst, den eigenen Rhythmus aus den Augen
zu verlieren, hatte von vornherein eine schier unüberwindliche Barriere aufgebaut. Häufig war es so schlimm, dass es mir sogar schwerfiel, nach dem Sex mit der jeweiligen Frau zu übernachten. Ich konnte dann schlichtweg nicht einschlafen.
Für all die geschilderten Fälle - und es sind lediglich Beispiele - hält die allgemeingültige Moral beurteilende Schlagworte parat: "Eigensinn", "Teamunfähigkeit", "Beziehungsangst", "Verantwortungslosigkeit", "Feigheit". Es sind allesamt negativ belegte Worte, die auf psychische Abnormität schließen lassen sollen. Und tatsächlich erkenne ich jetzt, dass ich mir diesen Schuh auch allzuoft habe anziehen lassen - unterschwellig, mit der Konsequenz,
dass ich zwar weiter tat, was und wie ich es wollte,
aber stets auch von dem dumpfen, unguten Gefühl begleitet, irgendwie "falsch" zu sein. Meine Umwelt - von Eltern über Freunde bis hin zu Kollegen - reagierte da zumeist mit Unverständnis und Kopfschütteln, zwar in der Regel nicht explizit, aber dennoch spürbar im Sinne einer versuchten Schwächung oder Ablehnung meiner Handlungsweise (mal abgesehen davon, dass ich mir dadurch irgendwelche sogenannten "Chancen" entgehen ließ).
Aber diesen Preis ist es allemal wert. Ich erkenne mehr und mehr, wie richtig es für mich ist, den eigenen Rhythmus als oberste Handlungsmaxime zu verstehen. Hier geht es nämlich ums Herz. Und wenn das physische Herz der Taktgeber des Körpers ist, so ist dieses "Herz" - ich könnte auch sagen: Gewissen, oder: innerer Impuls - der Taktgeber meines gesamten Lebens. Hier ist der Quell des eigenen Rhythmus.
Auf der Geburtstagsparty von A. wurde ich wieder mit dem Thema "eigener Rhythmus" konfrontiert. Und zwar wurde irgendwann getanzt (Solotanz), wobei ich selbst zwar auch Lust verspürte, zu tanzen, aber eben nicht zu der Musik, die zunächst gespielt wurde, die nämlich genau jener Art von Musik entsprach, mit der ich noch nie etwas anfangen konnte. Also wartete ich darauf, dass das Lied bald zuende sei und stand derweil am Rande der Tanzfläche.
Plötzlich kam eine Frau auf mich zu, und forderte mich dazu auf, ebenfalls zu tanzen. Sie versuchte mich sogar bei den Händen zu nehmen und auf die Fläche zu ziehen. Eigentlich war das ja wirklich eine nette Geste, zumal ich es sowieso schade finde, dass Frauen zumeist viel zu passiv und "cool" sind. Dieses Mal empfand ich es aber eher als abstoßend, denn ich spürte, dass diese Musik so absolut gar nicht zu dem passte, was ich unter "Tanzen" verstehe, und dass sie geradezu Gefühle des
Unwillens in mir hervorrief.
Ohne groß darüber nachzudenken widersetzte ich mich also den Versuchen dieser Frau, mich auf die Tanzfläche zu ziehen, und warf ihr, glaube ich, sogar einen recht unfreundlichen Blick zu. Auf jeden Fall ging sie schnell wieder, und ich spürte, dass sie mich an diesem Abend noch ab und zu ein wenig ängstlich anschaute (es ergab sich aber dann leider nicht, ins Gespräch zu kommen).
Was war passiert? Ganz einfach: Ich hatte mich an meinen eigenen Rhythmus gehalten, und ihn mir ausnahmsweise mal nicht durch äußere Einflüsse zunichte machen lassen.
Im weiteren Verlauf des Abends tanzte ich dann noch viel und ausgelassen - wenn die Musik nach meinem Empfinden entsprechend war.
Was ich da vor drei Tagen schrieb, ist nicht falsch - aber es greift zu kurz, bzw. es steckt noch viel mehr darin.
Wenn ich durch "Pausen" meine Lebensenergie zerschneide, dann geschieht das - mal explizit, mal unbewusst - mit dem Verstandesargument, damit meinem "eigenen Rhythmus" zu folgen. Ich rede mir dann ein, ich würde mit diesem "Pausen-Impuls" nur dem folgen, was aus meinem Innersten kommt, würde mithin genau das tun, was nicht als äußerer Zwang vorgegeben ist. Ich rede mir dann sogar ein, ich würde meiner Freiheit folgen.
Das ist dann aber ein riesengroßer Selbstbetrug. Natürlich ist es sinnvoll, den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu folgen, aber ich mache es mir allzu leicht, wenn es um die Entscheidung geht, was diese eigenen Bedürfnisse eigentlich sind. Tatsächlich falle ich dabei gerne auf meine Bequemlichkeit herein: "Echt" und "wahr" ist dann immer nur die nächstbeste Ablenkung, Pufferung, Abkürzung. Die Instanz, die da entscheidet, ist dann stets nur eine eng begrenzte Ebene: mal der Körper mit seiner
Bequemlichkeit, mal das Gefühl
mit seiner
Exaltierung, mal der Verstand mit seiner Spitzfindigkeit. Alles Dinge, die nicht wirklich in die Tiefe gehen, sondern nur an der Oberfläche kratzen.
Das heißt aber nicht, dass es keinen "eigenen Rhythmus" gäbe, oder dass es falsch wäre, ihm zu folgen. Ganz im Gegenteil: Der eigene Rhythmus - richtig ausgelebt - ist sogar dasselbe wie die gesunde Realisierung der eigenen Lebenskraft. Ihn zu finden bedeutet dann aber eben nicht, bei der nächstbesten Gelegenheit auszuweichen, sondern mich über diese kurzfristigen Ablenkungen hinwegzusetzen - auch wenn es ungemütlich wird. Was also Not täte, ist die Ausgewogenheit des Herzens. Und die vergesse ich dann
allzu oft.
Das gilt natürlich nicht nur für Kaffeepausen, sondern noch viel mehr für "größere" Dinge.
Heute Vormittag konnte ich sehr deutlich beobachten, welche Wirkung Ablenkung auf mich hat, z.B. wenn ich mich einer Aufgabe widme, und dann eine Pause mache und mich mit etwas anderem beschäftige - nicht etwa, weil eine Notwendigkeit dafür vorläge, sondern einfach, weil ich mir selbst einrede, es wäre nun an der Zeit.
Und zwar stelle ich dann regelmäßig fest, dass sich dann nicht nur die zu erledigende Aufgabe unnötig verzögert, sondern dass dann vor Allem Unwille in mir entsteht. Dieser Unwille richtet sich dann aber nicht nur gegen die Fortsetzung der anstehenden Aufgabe, sondern gegen so ziemlich alles, was meinen Weg kreuzt. Der Unwille wird sozusagen zu einer Art Grundstimmung.
Heute etwa passierte genau das, als ich Vorbereitungen für den Unterricht der nächsten Woche traf, und irgendwann beschloss, ich könne ja nun einen Spaziergang durchs Viertel machen, ein paar Einkäufe erledigen und nebenher einen Kaffee trinken - obwohl eigentlich noch einiges zu tun war. Ich redete mir ein, Zeit sei ja genug da (was "objektiv" auch stimmte). Während ich dann da so meinen Kaffee trank, stieg aber auf einmal eine völlig grundlose und ungerichtete, und dennoch spürbar manifeste "miese
Stimmung"
in mir auf.
Was geschah da? Es ist eigentlich so simpel und offensichtlich, dass es geradezu lachhaft ist: Die Lebensenergie, die ich zuvor in meine Arbeit investierte, wird wie mit einer Schere zerschnitten (durch die Entscheidung, eine Pause zu machen), und richtet sich nun, da sie kein "Ziel" mehr hat, gegen mich selbst. Genau das ist dann dieser allgemeine Unwille.
Nicht dass dieses Erlebnis heute besonders wichtig wäre, aber es ist äußerst symptomatisch: Ich scheine einen Hang dazu zu haben, meine eigene Energie völlig ohne Not selbst zu zerschneiden. Dass dadurch gewisse Dinge nicht in der Qualität zuende gebracht werden, wie es möglich wäre, ist dabei die eine, aber nicht so wichtige Wirkung. Die viel wichtigere Wirkung ist das dabei in mir selbst erzeugte, lähmende Gefühl des Unwillens.
In der vergangenen Nacht schlief ich ausgesprochen schlecht. Das hatte auch einen ganz einfachen Grund: Ich hatte zu spät zu viel gegessen. Das habe ich schon häufig erlebt - und es ist erstaunlich, wie ich mich erstens trotz dieses Wissens dazu hinreißen ließ, und wie zweitens scheinbar kleine Dinge große Auswirkungen haben können. Das Ganze hatte aber auch sein Gutes: Der unruhige Schlaf führte dazu, dass ich mich an viele Träume erinnerte, da ich immer wieder
aufwachte.
Ohne jetzt konkret auf all diese Träume einzugehen, denn viele von ihnen gingen im Durcheinander unter bzw. waren überladen mit wirren Details, ist es doch wichtig festzustellen, dass sie alle dieselbe Grundstimmung transportierten: Immer ging es um Tod, Krankheit, Hinfälligkeit. Und immer ging es darum, dass ich mich in solch einer Umgebung aufhielt, und willig, aber unfähig war, Hilfe zu leisten - ohne dass ich mich deshalb aber traurig oder deprimiert gefühlt hätte.
Mir scheinen diese Träume ein Ausdruck dessen zu sein, dass ich mich zunehmend hilfloser, irgendwie "dünner", fühle. In jeder Hinsicht: Beruflich, in privaten Beziehungen, auch das politische Umfeld betreffend. Diese Hilflosigkeit tritt dabei als zwei Seiten einer Medaille auf: Entweder als unangenehmes, von Ängsten begleitetes Gefühl, was stets dann der Fall ist, wenn ich anfange darüber nachzudenken, und andererseits als überaus beglückendes Gefühl des Loslassens - dies aus der Erkenntnis heraus,
dass gewisse Dinge eben nun einfach mal geschehen.
Über viele Tage hinweg habe ich jetzt nicht mehr geschrieben. Wieder geschah das, was ich schon in der Vergangenheit in solchen Phasen erlebte: Es tritt eine Art innerer Stau auf, so als würde alles schwerer, zäher, gewichtiger werden.
Nicht, dass in dieser Zeit besonders gewichtige Dinge passiert wären. Ganz im Gegenteil: Eine so entspannte Zeit hatte ich schon lange nicht mehr. Selbst das ganze Sylvestergedöns war in diesem Jahr besonders leicht und freudvoll. Und dennoch: Das, was ich als Stimmung und Befindlichkeit an mir feststelle, gewann in diesen Tagen mehr und mehr die Oberhand, und ich selbst fühlte mich mehr und mehr als Spielball derartiger Dinge, etwa das melancholische Gefühl heute beim Aufstehen, die Enttäuschung über irgendwelche
nicht stattgefundene
Begegnungen, die Anfälligkeit, mich in Diskussionen einbeziehen zu lassen und dann dennoch nicht das zu sagen, was ich wirklich dachte.
All das sind Symptome einer zunehmenden inneren Befangenheit (Energiestau), die letztendlich wohl genau darauf beruht, mich mehr und mehr auf äußere Reize fokussiert zu haben, anstatt (etwa durch schreiben) bei mir selbst zu verweilen.
Spannend ist, zu beobachten, dass sich dieser Zustand dann auch augenblicklich als körperliches Symptom niederschlägt: Heute ist es ein Ziehen in der linken Kniescheibe, in den vergangenen drei Tagen ein Druck im rechten Oberbauch, davor eine Verkrampfung im Hals. All diese Symptome waren bzw. sind für sich genommen harmlos, aber sie sind ein deutlicher Hinweis auf eine innere Verkrampfung.