Unterforderung ist Gift für den Unterricht. Nichts lähmt den
Schüler mehr, als wenn er mit Inhalten konfrontiert wird, die ihn langweilen. Er schaltet seine Aufmerksamkeit
ab, redet sich dann ein, das Fach interessiere ihn nicht, woraufhin er dann irgendwann sogar die einfachsten
Inhalte nicht mehr bewältigt. Das Missverständnis wird zum Teufelskreis: Das Interesse schwindet, damit die
Leistung, dann der Erfolg und schlussendlich der Wille, weiterzulernen. Am Ende redet er sich ein, das alles
sei „zu schwer“ für ihn.
Dabei geht es gar nicht um das Fach oder die Inhalte, sondern einfach nur darum, dass der Schüler das Gefühl
erhält, etwas geleistet zu haben – Leistung nicht in Form von „Noten“ und sonstigen Bewertungen durch Lehrer
oder Eltern, noch nicht einmal im Bewusstsein, etwas wichtiges für die Zukunft gelernt zu haben, sondern um
Leistung einfach nur in dem Sinne, über sich hinausgewachsen zu sein, sich selbst besiegt zu haben. Das sehe
ich schon daran, dass es oftmals gerade die im Vorfeld als besonders „ätzend“ empfundenen Themen sind, die –
richtig angegangen – das größte Engagement zu entfesseln vermögen. Etwas neues wird da entdeckt, ein Graben
überwunden, eine Begrenzung aufgehoben.
Wenn ich also sehe, dass der Stoff zu einfach oder zu gewöhnlich ist, dann schalte ich einfach einen Gang
höher – egal ob es der Lehrplan vorsieht oder nicht. Ich hatte z.B. einmal den Fall, dass ich einem Grundschüler
(dies allerdings nur im Rahmen eines Einzelunterrichts) im Zuge einer allzu langweiligen Unterrichtsstunde die
Prinzipien der Differenzialrechnung erläuterte. Dies natürlich nicht unter Aufwendung aller Formalismen oder
Geheimzeichen, die da Verwendung finden (können), sondern einfach als Idee, als Prinzip: das Berechnen der
Steigung, dann der Steigung der Steigung usw.. Er verstand alles wunderbar und keinerlei Langeweile kam auf.
Das fordert natürlich auch mich selbst: Wenn ich den Unterricht mit dem Vorsatz angehe, irgendwelche Pakete
abzuliefern, und nicht darüber hinauszugehen, etwa indem ich zum Absitzen der Zeit irgendwelche Aufgabenblättchen
lösen lasse, ohne dass es wirklich notwendig wäre, dann raube ich meinen Schülern die Energie. Sie versacken dann.
Sogenannte „gute Vorbereitung“ kann deshalb auch lähmend sein, denn sie fördert die Haltung, nicht weiter zu müssen.
Wie alles im Leben ist das keine Einbahnstraße: Wenn ich es mir leicht mache, indem ich mich auf Erreichtem
ausruhe und mich auf das Minimum des Vorgegebenen beschränke, dann beraube ich mich auch selbst der Energie.
Die Trägheit kriecht in mich, lähmt mich, lässt mich überdrüssig werden. Auch bei mir beginnt dann ein
Teufelskreis: ich werde fahrig, unsicher, ungeduldig, möchte am liebsten hinausgehen. Es geht beim Unterrichten
also um die Überwindung des Gewöhnlichen, um das Gefühl, über mich hinauszuwachsen. Um jenes Quantum zusätzliche
Energie also, welches notwendig ist, um nicht in einem vorgestanzten Rahmen zu verharren.
Und was ist mit Überforderung – das, was viele Eltern und Schüler so fürchten wie die Schweinegrippe?
Ganz einfach: Klausuren bergen keine unliebsamen Überraschungen und sind deshalb nicht schwer,
der Unterricht dagegen ist in bestem Sinne anstrengend. Klausuren sind ein Formalismus: die Arbeit wird vorher
geleistet, während des Unterrichts. Die Schüler wissen das.
Berlin, 11.05.09