Diese Skulptur eines Ringers (erschaffen von Hugo Lederer im Jahre 1908), an der ich zweimal in der Woche
vorbeikomme, hat schon immer meine Aufmerksamkeit erregt. Sie beschreibt aufs Genaueste, worauf es ankommt:
Die Haltung des Ringers drückt fließende Kraft und damit Bewegung aus. Der Ringer verfügt über keine Waffen oder
andere Hilfsmittel als seine Aufmerksamkeit und Kraft. Er ist ganz auf sich selbst angewiesen, verletzlich,
offen, nackt, aber auch wach, stark und beweglich. Im Kontrast dazu steht der Schilderwald der Heerstraße, an
der er steht. Ein Sammelsurium von Hinweisen, Vorschriften, Geboten, und Verboten, starr und tot.
Mich vom Einfluss dieser vielen Schilder zu befreien, die für Verwirrungen, Ablenkungen, Ängste und
Begrenzungen stehen, ist das, worauf es ankommt. Das ist aber nicht so zu verstehen, dass diese Schilder
lediglich in der äußeren Welt zu suchen sind. Die schlimmsten ihrer Art finde ich in mir selbst. Manche
wurden bereits in frühester Jugend als Konditionierung angelegt, manche sind das Resultat von Bequemlichkeit
oder Angst angesichts sich ändernder Verhältnisse.
Die Figur des Ringers erinnert mich an die Notwendigkeit und auch an die Möglichkeit, ohne diese künstlichen
Begrenzungen mein Leben zu gestalten, meinem innersten Antrieb folgend, frei von Starrheit und Zwanghaftigkeit.
Berlin, 25.04.09