Als ich einem Verweis folgend vorgestern auf den hervorragenden
Text „Macht kontra Ohnmacht“ von Thomas Patzlaff vom „Runden Tisch Berlin“ stieß, war die Freude groß. Aussagen
wie folgende bringen es - mit kleinen sprachlichen Fehlern - auf den Punkt:
"Macht ist keine externe Angelegenheit denn die Quelle kann nur eine interne sein. Macht ist etwas ursprüngliches
und ein Kraftquelle die universellen Charakter hat. Es ist ein wesentlicher Bestandteil oder besser eine Ursache
des Lebens überhaupt. Dabei ist die Verbindung zu persönlichen Fähigkeiten und Wissen, welches unverfälscht sein
sollte, untrennbar vorhanden."
Oder
"Wer Macht über sich hat, der hat auch Macht über sein Leben und braucht keine Gewalt mehr. Gewalt ist immer gegen
einen Widerstand und diesen wird es in Gegenwart von echter Macht nicht geben."
Oder
"Dabei ist die schlimmste Form der Unterdrückung die des Glaubens im Sinne von Religion. In
dieser Variante unterdrücken Sie selbst Ihre eigene Macht aufgrund von religiösen Gesetzen.
Das ist nicht nur einfach und besonders wirkungsvoll, sondern es ist auch genau auf Sie zugeschnitten
und trifft somit auch Ihre speziellen Eigenarten, auch wenn sich diese ändern sollten! Für nicht gläubige
Menschen wird dabei Religion durch Wissenschaft oder Politik in Verbindung mit Logik verwendet. Diese Form
ist mindestens so unverrückbar wie die religiöse Variante.
Was nicht durch Gewalt erzeugt wird, daß wird durch falsches Wissen und Manipulation von Wissen erreicht.
Es wird eine virtuelle Realität und eine virtuelle Normalität im Sinne der Manipulatoren geschaffen, die
möglichst wenig Angriffsfläche bietet."
Meine erste Reaktion: Toll, da gibt es sogar hier in der Stadt Menschen an einem runden Tisch, die solche Texte verfassen!
Das muss ich mir anschauen!
Ich begann also, den Verweisen auf dieser Seite zu folgen. Je mehr ich mich aber darauf einließ, desto mehr wich
meine anfängliche Begeisterung völliger Verwirrung. Ich geriet bei meinen Untersuchungen nämlich immer tiefer in
ein Netzwerk von Aktivisten, die plötzlich so gar nicht mehr für das eintraten, was in diesem Text propagiert wird,
nämlich Freiheit und Selbstverantwortung. Stattdessen besteht das scheinbar hauptsächliche Anliegen dieser Leute darin,
darauf hinzuweisen, dass dieses Land über keine demokratische legitimierte Verfassung und keinen Friedensvertrag verfügt,
und damit auch über keinerlei reale Existenz. Das an sich ist ja auch nicht schlimm, denn in diesem Punkt gibt es
mit Gewissheit wichtigen Handlungsbedarf, und es ist lobenswert auf tabuisierte Missstände hinzuweisen. Dennoch:
Das bedeutet für mich aber noch lange nicht, dass ich mich in ein wie immer geartetes "Deutsches Reich" zurücksehne.
Als ich mich plötzlich mit Texten konfrontiert fand, die suggestiv gehaltene Bilder (etwa von einem Wohnhaus,
das mit türkischen Flaggen behängt ist (das wahrscheinlich während eines WM-Spiels aufgenommen wurde), oder von
orthodoxen Juden in einem Berliner Bus sitzend) mit einschlägigen Aussagen kombinieren, bzw. mit Texten, in denen
das demokratische Prinzip in Frage gestellt wird, war mir klar, dass es hier eben gerade nicht um Freiheit und
Bewusstheit geht, sondern um das genaue Gegenteil: um Ausgrenzung, Verbreitung von Vorurteilen, usw. – und
ganz offensichtlich in nicht unerheblichem Maße um eitle, pubertäre Selbstdarstellung. Ein entsetzlicher Mief
wehte mir entgegen. (Wer mag, kann sich unter folgender Adresse einen diesbezüglichen Überblick
verschaffen: http://der-runde-tisch-berlin.info/verweise.htm. In bestem Sinne aufklärend und von
daher ausdrücklich zu empfehlen ist die Seite KRR FAQ von Frank Schmidt.)
Nach der anfänglichen und spontanen Begeisterung stellte sich also bald eine völlige Verwirrung und Enttäuschung
ein. Die Frage dabei: Woher kam bzw. kommt dieses Gefühl?
Erst nach und nach wurde mir klar, worum es hier, bei meinem unguten Gefühl wirklich geht: Es geht um Lüge. Denn
das Ganze lief ja so ab, dass erst nach und nach bei mir die Gewissheit entstand, dass ich es hier mit
Bauernfängern zu tun habe. Zu schön hallte mir der zu Beginn gelesene Text im Ohr, und es schien mir einfach
völlig unglaublich, dass jemand, der so etwas schreibt, im nächsten Atemzug mit pseudoaufklärerischem Zungenschlag
über die Wiedererrichtung eines Deutschen Reiches schwadronieren kann. Dass hier Lüge im Spiel ist - sein muss -
war mir also irgendwie klar. Aber das Gift der Lüge besteht ja darin, dass man sie zwar spürt (manchmal sogar physisch), aber nicht
wahrhaben möchte.
In diesem Falle besteht die Lüge darin, dass durch solche Texte das Wesen von Aufklärung,
Herzenswärme und gesundem Menschenverstand in den Dreck gezogen wird, indem es für genau das Gegenteil
dessen missbraucht wird, was es eigentlich anstrebt. Es wird der Tonfall des freien, sebstbewussten Menschen
angeschlagen, um damit genau jene anzulocken, die nach dem dürsten, was hier scheinbar dargestellt wird. So
wie es ja auch mich wie eine Motte zum Licht gezogen hatte. Die dahinterliegende geistige Enge wird und wurde
übersehen.
Um mir nicht eingestehen zu müssen, wo ich hier trotz redlichsten Anspruchs gelandet war, ging mir sogar
kurzzeitig die Theorie durch den Kopf, bei diesen KRR´s könne es sich in Wirklichkeit um eine großangelegte
Aktion irgendwelcher antifaschistischer Politaktivisten zur Diskreditierung der Rechtsradikalen handeln. Zu
skurril und albern kamen einige dieser Seiten daher, auf die ich stieß. Sie wirkten teilweise wie eine Satire.
Kein auch nur halbwegs vernunftbegabter Mensch könnte so etwas ernst meinen, und schon gar keiner, der Texte
über Aufklärung schreibt. Dass diese karnevaleske Unernsthaftigkeit womöglich genau diese Verharmlosungshaltung
in mir bewirken sollte, zog ich natürlich ebenfalls nicht in Erwägung.
Nur: Solche an den Haaren herbeigezogenen Interpretationsversuche halfen mir nicht weiter. Das Unwohlsein blieb.
Jetzt kann ich sagen: mein Gewissen blieb - denn etwas anderes ist es nicht, wenn sich derartige, ungute Gefühle
melden und vor sich hin schwären. Denn tatsächlich wäre es selbst dann eine Lüge, wenn es sich bei diesem Dunstkreis des
„runden Tisches“ um eine unglaublich gut organisierte Spaß-Antifa-Aktion handeln würde. Es wäre dann nämlich die
impotente Haltung des Ironikers, der lacht, um sich über seine wahre Schwäche
hinwegzutäuschen.
Was bleibt für mich als Erkenntnis? Es bleibt die Erfahrung, wie gerne ich bereit bin, mich selbst zu betrügen
und sogar aktiv Entschuldigungen für offensichtliche Missstände zu suchen, wenn sie denn bloß hübsch genug
verpackt daherkommen. Es bleibt aber auch die Erfahrung, dass jede Lüge immer auch von einem ganz bestimmten
Gefühl begleitet wird, welches vom Gewissen herrührt. Dieses Gewissen ist immer lebendig und so fein, dass es
Dinge wahrnimmt, die dem Verstand in seiner blinden Geschäftigkeit üblicherweise entgehen. Das, worauf es dann
ankommt, ist die Bereitschaft, auf diese Wahrnehmungen zu hören.
Erhellend bei der ganzen Sache: Das, was „gut“ und „stark“ und „frisch“ und "schön" daherkommt, ist häufig auch
gerade das, was die allertiefsten Abgründe birgt. In die fällt dann der, den nach „gut“ und „schön“ usw.
dürstet, der aber nicht weiß, worin es wirklich besteht, und wo er es finden könnte (nämlich in sich selbst).
Er findet es dann für einen kurzen Moment beim Lesen eines gut verfassten Textes (so wie ich in meiner
anfänglichen Freude), und merkt dabei nicht, wie die Klappe zugemacht wird, und genau das Gegenteil dessen mit
ihm geschieht, was er eigentlich suchte. Dieser kurze Moment der Erhellung, kurz bevor die Falle zuschnappt, ist
so etwas wie der Blick auf ein Goldstück, das ihm ein Fremder unter die Nase hält, um es sogleich wieder zu
verstecken. Ab dann folgt der Verführte dem Fremden wie ein dressierter Hund, bis hin zu Krieg und Selbstmord.
Wenn er doch nur wüsste, dass er selbst aus purem Gold besteht!
Berlin, 09.05.09