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Alchemie: Naturwissenschaft, menschlich betrachtet


Wie weithin bekannt ist, gibt es in der Natur gewisse Gesetzmäßigkeiten, denen sowohl belebte wie unbelebte Dinge gleichermaßen unterworfen sind. Man denke da nur an die Schwerkraft: sie wirkt auf den Papst genauso wie auf den Regentropfen. Beide zieht es zur Erdmitte, ob sie wollen oder nicht. Aber mal abgesehen von solchen ganz offensichtlichen Beispielen: Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr das Betrachten der Natur und der darin vorkommenden Phänomene, mir auch Anstöße zur Erkenntnis meines eigenen Daseins liefert. Die Parallelen sind da wesentlich zahlreicher, als die meisten Menschen glauben. Zwar ist nicht alles eins zu eins übertragbar, aber es lohnt sich immer wieder, sich auf derartige Betrachtungen einzulassen.

Im Folgenden möchte ich derartige Ideen oder Betrachtungen aufzählen, wie sie mir immer wieder im Zuge meines Berufes begegnen. Sie helfen mir, mich selbst zu verstehen.

Ich nenne diesen Text "Alchemie", weil ja genau dies auch das Anliegen der alten Alchemisten war: das Verständnis (und damit die "Läuterung") des Menschen anhand von Betrachtungen in der Natur. (Dass es sich bei den Alchemisten um gierige, alberne Quacksalber handelte, die aus Eisen Gold machen wollten, ist ein modernes Vorurteil, und sagt mehr über die Arroganz der Neuzeit als über die Alchemisten aus. Übrigens hatten auch Leute wie Goethe, da Vinci oder eine Reihe griechischer Philosophen mehr mit den Alchemisten gemein, als die meisten Menschen glauben.) Ihr Grundsatz lautete: "Wie oben, so unten." - man könnte auch sagen: "Wie innen, so außen.", oder: "Wie im Großen, so im Kleinen.", oder noch anders: "Was die Natur uns vormacht, sind wir selbst." Tatsächlich läuft es immer auf Dasselbe hinaus.

Und das ist auch ganz logisch: Wir sind nämlich Teil dieser Natur.



Aktivierungsenergie

Wenn in der Chemie ein Molekül an einer chemischen Reaktion teilnehmen soll, dann muss ihm erst eine bestimmte Energiemenge, Aktivierungsenergie genannt, zugeführt werden, damit dies möglich wird. Diese Energie wird benötigt, um alte Bindungen aufzutrennen, auf dass neue zustande kommen können.

Wenn ein Mensch bisherige, als ungut empfundene Umstände ändern soll, dann ist auch hier eine bestimmte Energiezufuhr notwendig. Sie wird benötigt, um die alten Abhängigkeiten aufzulösen. Ohne diese Energie wird sich niemals etwas ändern - Gewohnheitstrott und Faulheit werden dies verhindern. Selbst an allerschlimmste Umstände vermag der Mensch sich im Laufe der Zeit zu gewöhnen, mit dem Ergebnis, dass er nur noch als Zombie durchs Leben eiert, ohne jemals sein Glück zu finden.

Diese Aktivierungsenergie kann in Form eines Schicksalsschlages, eines Schocks oder eines anderen äußeren Impulses in das Leben des Menschen treten. Selten wird dies als angenehm empfunden. Die Wirkung dieser Energie besteht dann darin, im Menschen einen Selbsterkenntnisprozess auszulösen, der ihn seine Lage und die Notwendigkeit zur Veränderung erkennen lässt. Findet dieser Prozess nicht statt, verpufft die Energie nutzlos. Da die Wirkung der Aktivierungsenergie aber häufig als schmerzhaft und zerstörerisch empfunden wird, wird sie durch die Inanspruchnahme von Puffern meistens sogar aktiv verplempert. Katalysatoren wirken dagegen hilfreich, da sie die benötigte Aktivierungenergie herabsetzen.

Letztendlich geht es nur um die Erkenntnis der eigenen Situation. Sie ist der eigentliche Schock, der die notwendige Aktivierungsenergie liefert.

Berlin, 21.10.09


Puffer

In der Chemie sind Puffer Lösungen, deren pH-Wert („Säuregrad“) sich nicht ändert, obwohl eine starke Säure, oder ihr Gegenpart, eine Lauge, hinzugegeben wird. Dies geschieht, indem der Puffer bestimmte in Säuren und Laugen enthaltene Ionen „wegfängt“ und wirkungslos macht. Diese Pufferwirkung funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Maße: Wird die sogenannte Pufferkapazität überschritten weil zuviel Säure oder Lauge zugegeben wird, bricht das Puffersystem zusammen und der pH-Wert ändert sich wieder.

Beim Menschen sind Puffer Handlungen, die ihn davor schützen, (unangenehme) Realitäten wahrnehmen zu müssen bzw. durch entsprechendes Handeln diese Realitäten zu konfrontieren. Es handelt sich dabei um Ersatzhandlungen, um Ablenkungen, um Ausflüchte, deren es viele Beispiele gibt: Alkohol- oder sonstiger Drogenkonsum (der die eigene Einsamkeit und Langeweile wegretouchiert) kann genauso ein Puffer sein, wie der Hang, sich ein heiles Familienbild aufrechtzuerhalten (obwohl da schon lange nichts mehr heil ist); der Hang, sich im Beruf aufzuopfern (um sich die eigene Leere nicht eingestehen zu müssen), kann ebenso ein Puffer sein, wie der allabendliche Fernsehkonsum (der eine schöne bunte Welt vortäuscht, wo gar keine ist) - oder aber auch einfach nur kleine, scheinbar harmlose, liebgewonnene Gewohnheiten, die dem Menschen das wohlige Gefühl vermitteln, sich in einer heilen, sicheren Situation zu befinden.

Stets werden durch derartige Puffer Lügen aufrechterhalten und notwendige Veränderungen auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Wie in der Chemie gibt es aber auch hier so etwas wie eine Pufferkapazität: Die Pufferung funktioniert nur bis zu einem gewissen Maße. Irgendwann brechen all diese Lügen zusammen, weil der Bogen überspannt wird, und die Realität sich nicht aufhalten lässt. Zumeist geschieht das dann in der Form einer akuten Krise, in der man sich dann wünscht, bereits früher auf die damals schon sichtbaren Zeichen geachtet zu haben. Manchmal passiert es aber auch erst ganz am Ende eines in Lüge und Selbstbetrug verbrachten Lebens.

Berlin, 21.01.10


Katalysatoren

In der Chemie ist ein Katalysator ein Stoff, der an einer Reaktion zwar teilnimmt, hinterher aber genauso vorliegt wie vorher. Seine Funktion besteht darin, die Reaktion zwischen zwei Stoffen, die ansonsten schwierig oder gar nicht miteinander reagieren würden, zu erleichtern bzw. beschleunigen. Dies geschieht, indem er die zu Beginn vorhandenen Bindungen beider Reaktionspartner lockert, so dass sie miteinander zu reagieren imstande sind. Man kann die Wirkungsweise auch so beschreiben, dass er die Aktivierungsenergie einer bestimmten Reaktion herabsetzt, auf dass die Reaktion bei geringerem Energieaufwand stattfinden kann. Ganz konkret funktionieren viele Katalysatoren so, dass beide Reaktionspartner locker an der Katalysatoroberfläche gebunden werden, wo sie aufeinandertreffen, miteinander reagieren, und als Reaktionsprodukt den Katalysator wieder verlassen.

Übertragen auf den Menschen ist ein Katalysator ein Einfluss, der es dem Menschen ermöglicht, ohne ein Übermaß an Aktivierungsenergie eine Veränderung herbeizuführen. Da eine hohe Aktivierungsenergie mitunter ansonsten gar nicht aufgebracht werden kann bzw. dann, wenn sie doch auftritt, häufig als Schock mit zum Teil zerstörerischen Kollateralauswirkungen empfunden wird, finden viele notwendigen Veränderungen im Leben eines Menschen oftmals gar nicht statt. Aus Angst und Bequemlichkeit genährte Puffer tun das Ihrige dazu, um diese Veränderung zu verhindern. So wird im immer gleichen Einerlei herumgedümpelt bis ans Ende eines als unglücklich und unerfüllt empfundenen Lebens.

Ein Katalysator kann in der Form einer neuen Idee, eines gelesenen Buches, eines Gesprächs mit einem Freund, einer spontanen Erfahrung auftreten. Diese Art von Einfluss ist aber eher zufälliger Natur und geringer Wirksamkeit, und kann nur dann funktionieren, wenn bereits ein gewisses Maß an Offenheit, d.h. vor Allem: Bewusstheit, für das bestehende „Problem“ vorhanden ist. Noch effektiver ist der Einfluss eines Lehrers bzw. einer inneren Schule, welche im Menschen gezielt die notwendige Bewusstheit und Stärkung bewirken können.

Stets wirkt der Katalysator im Sinne der sogenannten Dritten Kraft, welche vermittelnd agiert zwischen der Ersten Kraft (dem Anfangsimpuls, der die Veränderung wünscht) und der Zweiten Kraft (die aufgrund innerer und äußerer Widerstände die Veränderung zu verhindern sucht). Durch die Betrachtung und Bewusstmachung beider Kräfte sowie der Aufzeigung von Lösungsmöglichkeiten, werden notwendige Veränderungen, die bislang völlig absurd und unrealisierbar erschienen, auf einmal wahrgenommen und damit wahr gemacht.

Berlin, 30.01.10


Zustandsgrößen

Eine Zustandsgröße ist in der Wissenschaft eine Größe oder ein Parameter, der nur vom aktuellen Zustand des betrachteten Systems abhängt. Dazu zählen etwa die Temperatur, das Volumen oder der Energiegehalt eines Körpers oder Systems. Ändert man den Zustand dieses Systems, so ist es in Bezug auf diesen Parameter völlig egal, auf welchem Wege diese Änderung erreicht wurde. Es zählt nur der momentane Zustand. Das Ausmaß der Änderung kann nur durch den Vergleich zwischen Anfang und Ende des Änderungsvorganges gemessen werden.

Möchte man etwa durch eine chemische Reaktion aus einem Stoff A einen Stoff B erzeugen, so entspricht die Menge der abgegebenen oder aufgenommenen Energie der Differenz (also dem Unterschied) der Energiegehalte zwischen A und B. Möglicherweise kann diese Reaktion auf mehreren möglichen Wegen oder Weisen erfolgen - an der Energiebilanz der Gesamtreaktion ändert das gar nichts.

Dieser Gedanke trifft auch auf den Menschen zu:

Er entsteht als eine Ansammlung von Proteinen und anderen chemischen Substanzen, wird als hilfloses Baby geboren - und endet irgendwann als hilfloser Greis oder Kranker, der nach seinem Tode wieder in irgendwelche chemischen Substanzen zerfällt. Daran gibt es nichts zu rütteln, das ist das vorgezeichnete Schicksal. Streng genommen handelt es sich hierbei noch nicht einmal um eine Zustandsänderung, da Anfang und Ende nahezu identisch sind.

Dennoch beinhaltet sein Leben eine riesige Anzahl von Möglichkeiten, wie von Zustand A nach Zustand B gegangen werden kann. Hier von Freiheit zu reden ist natürlich dennoch übertrieben: der Mensch unterliegt als weitgehend mechanisches Wesen einer Vielzahl von Zwängen und Automatismen, die sein Verhalten diktieren. Je mehr er es aber schafft, sich dieser Zwänge bewusst zu werden, desto größer wird die Anzahl der Möglichkeiten, die sich ihm bieten, diesen Weg von A nach B zu beschreiten.

Alles, was er aber auf diesem Weg erlebt (ganz gleich, welchen Weg er wählt oder zu wählen glaubt), wird immer nur ein momentaner Zustand sein - egal ob es sich dabei um Glücksgefühle, Traurigkeit, Leiden, Euphorie oder was auch immer handelt. Dieser Zustand vergeht und macht einem neuen Platz. Eine Berufung auf die persönliche Geschichte (die Vergangenheit) oder auf Hoffnungen und Pläne (die Zukunft) vermag daran nichts zu ändern.

Berlin, 24.02.11






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